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Die liebliche Provinz (10)

Riana spähte nervös nach neuen Kampfspuren oder sonstigen Veränderungen, als sie sich ihrem Heimatdorf näherten und die Landschaft immer vertrauter wurde. Doch alles schien noch so, wie sie es verlassen hatte, die Sonnensegel waren an ihrem Platz, und der Glockenturm des Sonnentempels zeichnete sich dort auf dem Hügel vor dem sternenklaren Himmel ab.

Ein paar Leute auf den Straßen suchten zuerst Deckung, kamen dann jedoch hervor, als sie Riana erkannten. Einige grüßten sie oder riefen ihr zu, andere beobachteten sie nur erwartungsvoll, oder ließen misstrauische Blicke auf Pervon ruhen. Riana und Pervon hatten heute ihre standesgemäße Gewandung angelegt, sie golden, er violett, und boten so, hoch zu Ross, vermutlich einen recht imposanten Anblick.

Die Nachricht von ihrer Rückkehr schien sich schnell zu verbreiten. Als sie den Dorfplatz mit dem Tempel und der kleinen Wache erreichten, hatte sich bereits ein regelrechter Menschenauflauf gebildet. Mehrere Dorfbewohner riefen ihr Fragen zu: „Wo bist du so lange gewesen?“ – „Wer ist der Mann?“ – „Was hast du erreicht?“ – „Wann kommt Verstärkung?“ Riana kniff die Lippen zusammen und schwieg, bis sie die Stufen des Tempels erreicht hatte.

Dann sah sie Saia. Verschüchtert versuchte die Kleine, zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurch einen Blick zu erhaschen. Als sie ihre Mutter erkannte, kam sie vorsichtig, fast ängstlich nach vorne. Trauer schnürte Rianas Kehle zu. Ihr Kind hatte es nicht verdient, dass seine Fröhlichkeit von Angst erstickt wurde. Riana sah ihre Tochter an, ließ sich vom Pferd gleiten und breitete ihre Arme aus. Saia lief zu ihr und warf sich ihr an den Hals. „Mami“, schluchzte sie.

„Du hast mir so gefehlt, mein Liebling“, flüsterte Riana und küsste ihre Tochter auf die Wange. Auch ihr standen die Tränen in den Augen. Einen Moment noch gestattete sie sich, Saias Umarmung zu genießen. Dann löste sie sich und wischte die Tränen fort. Sie hatte sich sorgsam zurechtgelegt, wie sie der Dorfbevölkerung die Neuigkeiten beibringen würde. Es machte keinen Sinn, es hinauszuzögern. Jetzt war aller Aufmerksamkeit auf sie gerichtet, und die Menschen hatten ein Recht, es gleich zu erfahren. Erwartungsvolle Stille breitete sich aus, als sie die Stufen zum Tempel hinauf stieg. Riana schluckte. Wie würden sie es aufnehmen?

„Liebe Mitbürger“, rief sie und versuchte, dabei gefasst und entschlossen zu klingen. „Nach dem heimtückischen und schamlosen Überfall auf unser Dorf vor drei Wochen bin ich aufgebrochen, um Hilfe zu holen. Ich war in Nemeti und bin von dort bis Savoria und wieder zurück gefahren, um herauszufinden, wie es um den Frieden im Imperium steht. Ich kann euch berichten, dass der Imperator die Armee in Bewegung gesetzt hat, um allenthalben die Ordnung wiederherzustellen. Leider wird es noch eine Weile dauern, bis die Armee hier ist, um die Aufrührer zu vernichten.“

Wie sie es nicht anders erwartet hatte, erhob sich lautes Gemurmel. Ein paar Leute spuckten aus oder bedachten den Imperator mit Beschimpfungen. Riana hob beschwichtigend die Hände. „Ich war genauso enttäuscht wie ihr“, beteuerte sie. „Doch immerhin hat man mich nicht mit leeren Händen zurückgeschickt. Man gab mir Waffen. Wir werden uns bewaffnen, und wir werden uns vorbereiten, damit wir das nächste Mal, wenn sie kommen, kämpfen können!“ Zur Bekräftigung hielt Riana eine der Schwarzpulverpistolen hoch, damit alle sie sehen konnten.

Nun herrschte wilder Tumult, alle riefen durcheinander, diskutierten, gestikulierten und beschimpften sich gegenseitig. Riana vermochte es nicht, die Leute zu beruhigen. Dann trat Felian, Rianas Schwiegervater, vor. Er hatte drei seiner vier Kinder in den letzten Jahren verloren, und das hatte ihn altern lassen. Der Hunger tat sein übriges, um ihn wie einen lebenden Toten aussehen zu lassen, vor allem, wenn er eine solche Grabesmiene trug wie jetzt. Er legte Riana eine knöchrige Hand auf die Schulter und drängte sie in den Tempel. Riana sträubte sich. Wie sollte sie vor den Leuten ihre Glaubwürdigkeit als Anführerin behalten, wenn sie sich von einem alten Mann unterbrechen ließ? Doch er sah sie flehend an, und sie las mehr von seinen Lippen, als dass sie hörte, wie er: „Riana, bitte!“ flüsterte.

Da die Leute ohnehin miteinander beschäftigt schienen, ließ sie es schließlich zu, dass er sie in den Vorraum des Tempels außer Sichtweite führte. „Was ist denn los? Was soll das?“ fragte sie ungehalten.

„Riana“, beschwor er sie, „das kannst du nicht tun. Wir können nicht gegen diese Räuber kämpfen!“

„Wir müssen!“ entgegnete sie. „Und wir können.“

„Riana.“ Er wiederholte ihren Namen, als ob sie das zur Vernunft bringen müsste. „Wir werden Tribut an sie zahlen, und dafür werden sie uns in Ruhe lassen. Es ist beschlossene Sache im Ältestenrat.“

Sie konnte nicht glauben was sie hörte. „Tribut?“ fauchte sie wütend. „Solchen Tribut, wie sie ihn sich von mir genommen haben? Und von Jassia? Von Dana? Und von Inuri? Würdest du das auch gutheißen, wenn deine Töchter noch am Leben wären?“

Wenn das überhaupt möglich war, sah er plötzlich noch älter aus. „Riana, es tut mir unsagbar leid, was sie dir angetan haben“, seufzte er und griff ihre Schultern mit beiden Händen. „Bitte glaub mir das. Auch mir fällt es nicht leicht, diesem Handel zuzustimmen. Du… du bist doch wie eine Tochter für mich. Und mein eigener Sohn, der letzte, der mir geblieben ist…“ Seine Stimme zitterte. „Er hat sich ihnen angeschlossen, Riana. Er ist jetzt einer von ihnen.“

Riana starrte ihren Schwiegervater entgeistert an. „Juvin?“ stammelte sie. Sinans kleiner Bruder war immer der Augapfel der Familie gewesen. Der Jüngste, der stets verhätschelt wurde. Riana erinnerte sich, dass er bei ihrer Hochzeit Blumen gestreut hatte. Und dass sie ihn später, als er heranwuchs, mehr als einmal wegen Trunkenheit und Rauferei hatte festnehmen müssen. „Aber wie… ich meine, warum…“

Felion schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Er sah darin wohl den besten Weg. Sagt, er hätte einen neuen Glauben gefunden. Er ist nicht der einzige, weißt du. Es gibt so manche, die sich der Weltenschmiede zuwenden und dies auch offen aussprechen. Die Zeichen der Zeit scheinen ihnen Recht zu geben. Die neue, die stärkere Religion. Sie wollen nicht zu den Schwachen gehören, die untergehen, sondern zu den Starken, die in ein neues Zeitalter aufbrechen.“

Plötzlich hatte Riana das Gefühl, als wiche sämtliche Kraft aus ihr. Sie sank auf eine steinerne Bank und vergrub den Kopf in den Händen. Tränen wallten in ihr auf. Es dauerte einen Moment, bis sie die Worte wieder fand. „Ist Juvin der einzige?“ fragte sie. „Ich meine, haben sich noch andere aus unserem Dorf diesen Kerlen angeschlossen?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher“, gab Felion zu. „Ein paar haben es wohl versucht, aber die Aufnahmeprüfungen sind recht hart. Juvin ist eben ein zäher Bursche, er hatte ja immer eine Vorliebe für alles, was mit Kampf und Waffen zu tun hatte, wollte zur Armee, vor dem Sonnenfeuer… aber es gibt genug, die davon sprechen, ohne Scham. Riana, wir können nicht gegen sie kämpfen.“

Riana fühlte sich wie im Trance, als sie wieder nach draußen vor die Leute trat. Der Tumult hatte sich gelegt, erwartungsvolles Schweigen machte sich breit. „Alle, die sich in der Lage fühlen zu kämpfen, kommen morgen wenn es dunkel ist zur Wache“, verkündete sie tonlos. „Ich werde dann die Waffen verteilen und mit den Übungen beginnen.“ Damit griff sie die Zügel ihres Pferdes und des Maultieres und führte beide die Straße hinunter zu ihrem Haus. Saia eilte an ihre Seite, ebenso ihre Mutter, und Pervon folgte ihnen. Die Leute machten zögerlich Platz, und ein neuerliches Raunen erhob sich. Als sie an Rianas kleiner Wache vorbei gingen, sah sie, dass jemand mit feuerroter Farbe den Amboss der Weltenschmiede an die weiß getünchte Wand gepinselt hatte.

Sie aßen bei Rianas Mutter, und Riana berichtete von ihrer Reise und lauschte den kindlichen Erzählungen ihrer Tochter von Dingen, die in ihrer Abwesenheit geschehen waren. Doch ihre Gedanken kreisten um Felions Worte. Wie konnte es sein, dass die Menschen sich ausgerechnet von jenen Rettung erhofften, die ihnen Gewalt antaten? Wie konnten sie so feige sein, ihre Familien lieber dem Hunger und der Vergewaltigung auszusetzen, als einen Speer zu ergreifen und gegen die Unterdrücker zu kämpfen? Oder hatten sie Recht? Hatte sie, Riana, sich in etwas hineingesteigert? Klammerte sie sich nur so sehr an ihre Überzeugung, weil sonst ihre Welt zusammenbrechen würde? Verrannte sie sich etwa gar in diesen Kampf, weil sie sich unbedingt für das rächen wollte, was die Barbaren ihr angetan hatten?

Eine eisige Hand umklammerte Rianas Herz, als sie Saia zuhörte, wie sie von ihrer kleinen Baby-Ziege erzählte. Ihre Tochter war ihr das Teuerste auf der Welt. Oder? Aber warum war sie dann so entschlossen, hier zu bleiben und einen aussichtslosen Kampf zu kämpfen? Ihr Blick wanderte zu Pervon. Er sah schnell weg, doch er konnte nicht vor ihr verbergen, dass er sie beobachtet hatte. Warum schien es ihr so unvorstellbar, sein Angebot anzunehmen? Ihrem Dorf den Rücken zu kehren und mit ihrer Familie auf seinen Landsitz zu ziehen? Dort würden sie es sicher besser haben als hier. Saia hätte eine Chance, in Frieden aufzuwachsen. Wenn nicht die Welt vorher unterging.

Irgendwie schaffte es Riana, Saia zum Spielen zu schicken und ihre Mutter in die Küche, um den Abwasch zu erledigen. Dann fielen alle Masken von ihr ab, und sie sank über dem Tisch zusammen und schluchzte. Pervon setzte sich zögernd neben sie, berührte sie jedoch nicht und sagte auch kein Wort. Riana war ihm dankbar dafür.

Schließlich hob sie den Kopf und sah ihn aus geröteten Augen an. „Alles bricht auseinander“, flüsterte sie. „Ich hatte mal einen Platz in dieser Welt, aber alles hat sich verändert. Mein Mann ist tot, die Garde lässt mich im Stich, und die Menschen, die ich zu beschützen versuche, hoffen lieber auf eine neue Weltordnung der Grausamkeit, als auf jene, für die ich eintrete.“

„Ich weiß“, antwortete er sanft und sah sie mitfühlend an. Sie hatte erwartet, vielleicht sogar gehofft, dass er sie nochmals anflehen würde, mit ihm zu kommen. Doch das tat er nicht. Trotzdem dachte Riana daran. Sie könnten jetzt gleich ihre Habseligkeiten zusammenpacken. Noch heute könnten sie fort sein. Wie würde es sich anfühlen, einfach aufzugeben?

„Wenn ich jetzt davonlaufe“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm, „werde ich eine gebrochene Frau sein.“

© Frank Tarcikowski
20.5.07 03:44


Die liebliche Provinz (9)

Als Torgur sie auf der Pier in Nemeti verabschiedete, kamen alle Nordländer an die Reling und riefen ihr gute Wünsche zu. Der Kapitän schüttelte ihr die Hand. Riana ließ den Blick über diese seltsamen Fremden schweifen, denen sie anfangs so skeptisch begegnet war. Von ihnen hatte sie mehr Herzlichkeit erfahren als von ihren eigenen Brüdern und Schwestern der Garde. Fast wünschte sie sich, wieder mit ihnen in See zu stechen.

Die Seeleopardin hatte den Hafen kurz vor Sonnenaufgang erreicht. Den Tag hatte Riana noch in ihrer Koje an Bord verbracht. Nun winkte sie der Mannschaft und ihrem Kapitän ein letztes Mal zu und stemmte sich gegen ihr Fass voller Waffen, um es mühsam die Pier hinauf zu rollen.

Von dem Silber der Garde hatte sie in Savoria einen Sack Kaffee erstanden, den sie hier gegen ein Maultier oder einen Esel zu tauschen hoffte. Dennoch würde sie sich etwas einfallen lassen müssen, um zurück in ihr Heimatdorf zu gelangen, denn ein solches Packtier würde kaum den Tag mit ihr in ihrem Zelt verbringen. Über dieses Problem zerbrach sie sich schon die ganze Überfahrt den Kopf, doch sie war noch zu keiner zufrieden stellenden Lösung gekommen.

Es war viel Betrieb auf den Straßen, jeder versuchte, die Stunden des Zwielichts zu nutzen. Obwohl die Sonne bereits hinter dem Horizont versunken war, erleuchtete sie noch den westlichen Himmel, während im Osten bereits die ersten Sterne zu sehen waren. Riana spürte die Blicke der Passanten, als sie sich mühsam die Straße zum Markplatz hinauf arbeitete. Sie hoffte, das Schwert und die Schwarzpulverpistole, die sie offen trug, würden jeden abschrecken, der auf leichte Beute aus war. Den Blitzwerfer hingegen hatte sie wieder unter ihrer Kleidung verborgen.

„Riana?“ Sie blickte auf, als sie ihren Namen vernahm. Vor ihr stand Pervon, der Thaumaturg, und lächelte sie an. „Ihr seid zurück aus Savoria?“

Erneut rangen Freude und Misstrauen in Riana miteinander. Was machte er hier? Es war schon ein seltsamer Zufall, dass sie ihm so kurz nach ihrer Rückkehr wieder über den Weg lief. „Seid gegrüßt“, antwortete sie. „Ja, ich bin zurück. Und Ihr, was führt Euch schon wieder nach Nemeti? Habt Ihr bei Eurem letzten Besuch etwas vergessen?“

Pervons Lächeln erstarb, ihre Reserviertheit schien ihn zu kränken. „Ich habe Geschäfte hier zu erledigen“, entgegnete er. „Es ist nicht so, als ob ich ein Einsiedler wäre. Oder Euch zur Rechenschaft verpflichtet.“

Plötzlich tat Riana ihr Misstrauen leid. Schließlich hatte er ihr das Leben gerettet, ihr sehr geholfen und ihr keinerlei Anlass gegeben, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. „Verzeiht mir, Pervon“, beschwichtigte sie ihn. „Ich… es ist einfach…“

„Schon vergessen“, erwiderte er versöhnlich. „Wahrscheinlich ist es nur vernünftig von Euch, mir nicht zu trauen, schließlich kennt Ihr mich ja kaum. Aber vielleicht wollt Ihr mit mir zu Abend essen und mir von Eurer Reise berichten?“

Riana nickte erleichtert. „Das wäre schön.“ Pervon half ihr mit ihrem Fass und führte sie zu einem kleinen Marktstand, der gerade von zwei Nordländern aufgebaut wurde. Der Mann ähnelte mit seinem langen, geflochtenen Bart den Matrosen auf der Seeleopardin. Die Frau, die hochschwanger war, trug ein leuchtend buntes Kleid und geschnitzten Holzschmuck. Ihr weißblondes Haar reichte ihr bis zum Po. Riana fand sie wunderschön.

Pervon und Riana saßen auf hölzernen Schemeln an einem kleinen Tisch und aßen frisches Brot mit Gänseschmalz. Es war köstlich. Während sie aßen, berichtete Riana von ihrer Reise. Pervon stellte kluge Fragen, und ihr Bericht fiel ausführlicher und ehrlicher aus, als sie es vorgehabt hatte. Es tat gut, über all das zu reden. Als sie von dem Gefängnis erzählte und von ihrer Enttäuschung über die Garde, war sie einen Moment lang den Tränen nah.

Schließlich, sie hatte ihre Mahlzeit längst beendet, berichtete Riana auch von ihrem Plan, sich ein Lasttier zu ertauschen, und ihrer Sorge, wie sie damit den Weg nach Hause schaffen sollte. „Es gibt genug Möglichkeiten, unterwegs sicheren Unterschlupf für den Tag zu finden“, überlegte Pervon. „Entlang der Reichsstraße gibt es Herbergen, und danach Höhlen oder verlassene Häuser. Aber man muss sich auskennen, und man kann nie sicher sein, wem man unterwegs begegnet.“

„Leider kenne ich mich nicht besonders gut aus“, gab Riana zu. „Ich bin ein paar Mal mit einem Gleiter nach Nemeti geflogen, früher, als er noch funktionierte, aber da brauchte ich keine Zwischenstopps. Und seit dem Sonnenfeuer ist dies das erste Mal, dass ich meine Heimat verlasse.“

Pervon schien einen Moment zu grübeln. Schließlich sagte er: „Ich kenne mich ganz gut aus, und habe auch einige Erfahrung darin, durch unbekanntes Gebiet zu reisen. Ich würde Euch begleiten, wenn Ihr es möchtet. Ganz ohne böse Absichten.“ Sein Lächeln wirkte angespannt.

Riana wollte Pervons Angebot nur zu gerne annehmen. In seiner Gegenwart fühlte sie sich sicher, und sie hatte nicht das Gefühl, dass er etwas im Schilde führte. Dennoch wallte eine neue Woge des Misstrauens in ihr auf. Sie hatte einfach zu viele schlimme Geschichten gehört, zu viel Schlimmes erlebt, und es gab keinen logischen Grund, warum er ihr helfen sollte.

„Ihr habt schon so viel für mich getan“, erwiderte sie. „Warum wollt ihr die Gefahren und Strapazen einer solchen Reise für mich auf Euch nehmen? Ich unterstelle Euch keine bösen Absichten, aber es ergibt einfach keinen Sinn.“

Er sah sie auf eine seltsame, schmerzerfüllte Art und Weise an. „Wirklich nicht?“ fragte er leise.

Und plötzlich begriff sie. „Ihr habt mich beobachtet, oder?“ fragte sie. „Ihr sagtet, die Hellsicht wäre Eure Disziplin. Deshalb habe ich euch in meinen Träumen gesehen. Ich habe Eure Anwesenheit gespürt.“

Der Thaumaturg nickte zerknirscht. „Dazu hatte ich kein Recht, ich weiß. Ich konnte Euch nur manchmal sehen. Wie ich schon sagte, die Magie ist störrisch und gefährlich geworden. Doch ich konnte nicht anders.“

„Das hättet Ihr nicht tun sollen“, sagte Riana.

„Ich weiß“, gab er zu. „Und es tut mir leid. Ich hatte nicht vor, mich in Euch… in dich zu verlieben. Es ist eben einfach geschehen. Bitte, lass mich dir helfen.“

Sie sah ihn an, und er schlug die Augen nieder. Diese Enthüllung war eine Erklärung für sein Verhalten und seine Anwesenheit hier, und eigentlich hätte sie froh sein sollen. Doch sie fühlte sich plötzlich sehr unwohl in ihrer Haut. Andererseits konnte sie seine Hilfe mehr als gut gebrauchen, und sie musste auch an ihr Dorf und ihre Familie denken. Sie war nicht so weit gekommen, um nun auf dem letzten Stück ihres Weges zu scheitern.

„Na schön“, sagte sie schließlich, „ich nehme dein Angebot an. Aber ich bitte dich, dir keine Hoffnungen zu machen.“

Ein paar Stunden später brachen sie auf. Pervon hatte ein zweites Pferd bei sich, auf dem Riana ritt, und sie hatte tatsächlich ein Maultier ertauschen können, das ihr Fass voller Waffen trug. Pervon war schweigsam und wirkte angespannt. Riana ging es nicht anders. Die Situation war ihr peinlich, und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.

Verstohlen sah sie immer wieder zu ihrem Begleiter hinüber. Er war deutlich älter als sie, aber nicht unattraktiv, dazu freundlich und intelligent. Trotzdem fühlte sie sich nicht zu ihm hingezogen. Seit ihr Ehemann vor zwei Jahren mit seinem Fischerboot hinausgefahren und nicht aus dem Sturm zurückgekehrt war, hatte sie kaum je daran gedacht, einen Mann zu berühren. Sie hatte das Gefühl, dass all das Leid, das sie erfahren hatte, jegliche Romantik in ihr getötet hatte. Unwillkürlich stiegen Bilder in ihr auf von jener Nacht, als die Barbaren über sie hergefallen waren. Riana versuchte sie zu verdrängen und konzentrierte sich auf den Weg.

Den ersten Tag rasteten sie wieder in der Herberge „Zum Birnenhain“. Die Wachen fragten, was in dem Fass sei. „Werkzeug“, log Riana. Am nächsten Abend waren sie früh wieder unterwegs und folgten der Reichsstraße nach Norden. Es war ein Umweg, erklärte Pervon, doch es war sicherer und würde sie nicht viel Zeit kosten, da sie auf der Straße besser vorankamen.

Je weiter sie ins innere der Insel kamen, desto weniger befahren war die Straße, und desto rauer sahen die Gestalten aus, die ihnen begegneten. Kurz vor Einbruch der Dämmerung erreichten sie eine weitere Herberge. Sie befand sich am Fuße eines Hügels, auf dem ein befestigtes Kloster und ein großer Tempel thronten. „Die Mönche sind gute Händler“, erklärte ihr Pervon. „Früher haben sie Gäste in ihren eigenen Mauern beherbergt und nur ein Almosen dafür erbeten. Aber diese Zeiten sind vorbei.“

In der Herberge herrschte Trubel, zwei Geiger spielten zum Tanz auf, und saurer Wein floss in großen Mengen. Harte Männer und leichte Mädchen lachten und tanzten. Vor dem flachen Steinbau standen mehrere klobige Krafträder, stählerne Monstren mit breiten Rädern und langen Auspuffrohren. Bei ihrem Anblick erschauderte Riana, und sie verließ den Schankraum so schnell sie konnte, um sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen.

Sie brachen mit Sonneuntergang auf, hatten die Herberge aber noch nicht weit hinter sich gelassen, als sie das Dröhnen der Motoren hörten. Auf Rianas Drängen verließen sie die Straße und verbargen sich, als die Krafträder, Funken und Ruß spuckend, an ihnen vorüber donnerten. Furcht schnürte Rianas Kehle zu, als die Erinnerung sie übermannte.

Bald darauf verließen sie die Reichsstraße und folgten nun einem ungepflasterten Weg durch die ehemals lieblichen Hügel Benevias. Hier begegneten sie überhaupt niemandem mehr, und die meisten Gehöfte, die sie sahen, waren verlassen.
In einem solchen Gehöft verbrachten sie auch den nächsten Tag. Es hatte dort offensichtlich ein Feuer gegeben; die Scheune war völlig abgebrannt, und das Dach des Haupthauses war teilweise eingestürzt. Türen und Fensterläden suchte man vergebens, doch es gelang ihnen, einen Raum mit ihren Zeltplanen abzuschirmen. Dort kauerten sie sich mit ihren zwei Pferden und ihrem Maultier zusammen und versuchten zu schlafen. Riana ertappte sich dabei, wie sie Pervon misstrauisch im Auge behielt. Ihre Menschenkenntnis sagte ihr, dass er ihr niemals Gewalt antun würde, und doch wollte ihre Nervosität nicht weichen. Sie schlief schlecht, und hielt ihren Dolch griffbereit.

Zwei weitere Nächte reisten sie durch das verbrannte Land. Manchmal sahen sie bewässerte und mit Sonnensegeln geschützte Felder, und sogar Menschen, die sie bestellten. Doch sie hielten sich in sicherer Entfernung. Den vierten Tag ihrer Reise verbrachten sie in einem weiteren verlassenen Gehöft, den fünften in einer Höhle, die wohl schon anderen vor ihnen als Unterschlupf gedient hatte, doch die Spuren waren alt.

„Morgen sollten wir dein Dorf erreichen“, meinte Pervon, als er ihr Wein, trockenes Brot und Hartwurst reichte. „Und dann willst du deine Leute also auf den Kampf gegen diese Räuber vorbereiten?“

Riana nickte grimmig. „Ja, das will ich.“

Er starrte zum Höhleneingang, wo an den Rändern der Plane, die sie aufgehängt hatten, grelles Sonnenlicht einfiel. „Mit Speeren und Pfeilen gegen gepanzerte Kraftwagen“, sagte er schließlich. „Mit Bauern und Fischern gegen kampferprobte Söldner.“

„Wir sind in der Überzahl“, versuchte Riana sich Mut zu machen. „Wir werden uns vorbereiten, und sie werden nicht mit Gegenwehr rechnen. Wir haben eine Chance.“

„Es ist Wahnsinn“, entgegnete er, und dann, hastig: „Du musst das nicht tun, weißt du. Du könntest deine Familie nehmen und mich begleiten. Ihr könntet bei mir auf meinem Landsitz leben. Dort wäret ihr relativ sicher. Und ich schwöre dir, keine Hintergedanken.“ Ein flehender, fast verzweifelter Unterton lag in seiner Stimme.

Riana fühlte Dankbarkeit, und Mitleid. „Das ist nett von dir“, sagte sie. „Aber ich habe nicht nur eine Verpflichtung meiner Familie gegenüber. Ich bin eine Gardistin. Meine Aufgabe ist es, diese Menschen zu beschützen. Ich werde nicht davonlaufen und sie ihrem Schicksal überlassen.“

© Frank Tarcikowski
17.5.07 19:41


Die liebliche Provinz (8)

Ein Fass voller Waffen und ein Beutel mit Silbermünzen, dachte Riana, als sie die Lichter von Savoria am Horizont verschwinden sah. Das ist alles, was die Garde für mich übrig hat. Immerhin, die Herrin Direktor hatte Wort gehalten. Pfeilspitzen und Speerspitzen hatte sie vor allem bekommen, und Bogensehnen. Dolche, Kurzschwerter und sogar zwei Schwarzpulverpistolen mit Pulverhörner und ein paar Kugeln aus der Asservatenkammer der Garde.

Und von dem Silber der Garde hatte Riana sich eine Überfahrt kaufen können. Auch wenn ihr schon bei dem Gedanken, wieder eine Schiffsplanke zu betreten, flau im Magen wurde, und auch wenn die Seeleopardin und ihr Kapitän weniger vertrauenerweckend wirkten als die Südwind. Doch es fuhren nicht sehr viele Schiffe nach Nemeti. Sie konnte es sich nicht erlauben, wählerisch zu sein.

Die Seeleopardin war ein Freisegler, ein Schiff ohne Reederei. Es war eine schlanke Zweimastbark mit einem kunstvoll geschnitzten Seeleoparden als Galeonsfigur, doch die Segel waren vielfach geflickt und das Deck nicht gerade aufgeräumt. Die Mannschaft bestand größtenteils aus Nordländern, kleinen, gedrungenen Kerlen mit Hakennasen und schmalen Lippen. Ihre Haare waren so blond, dass sie weiß aussahen, und sie trugen sie lang und geflochten wie auch ihre Kinnbärte, die meist dunkler ausfielen, was einen seltsamen Kontrast gab. Die meisten trugen Westen aus Seehundfell auf nackter Haut und Ketten aus ungeschliffenem Bernstein. Riana würde auf dem Schiff stets einen Dolch mit sich führen, auch wenn sie zu Bett ging.

Torgur, der Kapitän, gesellte sich zu Riana. Er war auch ein Nordländer, und trug zum Zeichen seines höheren Standes Schmuck aus Gold und einen protzigen Siegelring sowie eine Schwarzpulverpistole am Gürtel. Sein langes Haar wurde an den Schläfen langsam dünn.

„Den Leuchtturm werden wir noch lange sehen“, erklärte er in seinem nordischen Singsang und deutete auf den stetig aufblitzenden Lichtpunkt, der alles war, was man noch von der Imperialen Hauptstadt sehen konnte. „Ein beeindruckendes Bauwerk, dieser Leuchtturm. Beeindruckende Stadt. Aber ich würde nicht so nah an einem Vulkan bauen. Meine Heimat war auch zu nah an einem Vulkan gebaut. Jetzt hab ich keine mehr.“ Er lachte rau. Riana musterte ihn und fragte sich, ob das nur Seemannsgarn war oder ob dieses Lachen seine Art darstellte, den Schmerz zu überspielen. Wir alle tragen dieser Tage Schmerz in uns, dachte sie.

„Es wird eine ruhige Überfahrt“, prophezeite Torgur. „Dank Eurer Heuer konnte ich den Göttern reichlich opfern. Sie werden uns mit ihrem Zorn verschonen.“

Und tatsächlich schien das Wetter ihnen gewogen, der Himmel war klar, die See ruhig, und ein stetiger Westwind trieb sie voran. Riana blieb die ganze Nacht an Deck und genoss die Kühle, die vom Wasser emporstieg, und das gelegentliche Spritzwasser. Unter Deck wich die drückende Hitze auch nachts nicht.

Im Heck des Schiffs saßen die Nordländer am Ruderstand beisammen und sangen Lieder ihrer Heimat. Einer schlug mit zwei Kochlöffeln den Takt, ein anderer spielte auf eine Flöte. Die Männer sangen mehrstimmig und erstaunlich gut, und die Worte ihrer melodischen Sprache schraubten sich wehklagend zum Nachthimmel empor. Riana saß im Bug, lauschte ihnen und weinte leise.

Der Westwind blieb ihnen auch die nächsten Tage treu, und in der vierten Nacht winkte Torgur sie heran und zeigt auf den Horizont. Vor dem von Sternen hell erleuchteten Himmel zeigte sich dort ein dunkler Streifen ab. „Benevia“, lachte der Kapitän. „Die liebliche Provinz. Das Opfer hat sich bezahlt gemacht. Die See war freundlich.“

„Ist das die Nordküste?“ erkundigte sich Riana.

„Ja, die Nordküste.“ Torgur bleckte die Zähne. „Wir müssen noch um die halbe Insel herumfahren, ehe wir die Leuchtfeuer von Nemeti sehen. Falls sie überhaupt brennen.“

„Das war im Opfer nicht mit inbegriffen, was?“ Riana musste wider Willen grinsen, als sie Torgur um eine Antwort verlegen sah. Dann fiel ihr etwas auf. „Warum fahren wir ohne Positionslichter?“ fragte sie, und ahnte im selben Moment die Antwort.

„Piraten“, antwortete der Kapitän düster und senkte dabei die Stimme, als fürchte er, einen bösen Geist heraufzubeschwören. „Es gibt von Jahr zu Jahr mehr in dieser Gegend, und gefährlichere.“

Immer größer wuchs die dunkle Küste heran, und Riana spürte ein flaues Gefühl im Magen. Mit nervösen Augen suchte sie die Küste ab, doch sie vermochte die Schatten nicht zu durchdringen. Die Seeleopardin segelte in einigem Abstand längs der Küste und umrundete eine Landzunge, die mit steilen Klippen weit ins Meer hinaus ragte.

„Wenn wir weiter so gut Fahrt machen, erreichen wir Nemeti vor Sonnenaufgang“, frohlockte Torgur. Dann erstarrte er, und lauschte. Riana schloss die Augen. Sie hörte es auch, noch fern, aber immer näher kommend: Das Donnern und Stampfen einer Maschine.

Torgur wirbelte herum und bellte Befehle in seiner Muttersprache. Nordländer eilten an die Schoten, und die Seeleopardin änderte ihren Kurs hinaus aufs offene Meer. Riana blickte zurück und sah ihren Verfolger, der sich aus dem Schatten der Steilküste löste. Das Schiff hatte den langen, geraden Rumpf einer Galeere, mit Rammsporn, kurzem Mast hohem Freibord, doch anstelle der Ruder verfügte es mittschiffs über zwei Schaufelräder, die lautstark auf das Wasser eindroschen und das Schiff so zu beunruhigender Geschwindigkeit antrieben. Aus dem Vorschiff stach ein langes Blechrohr in die Höhe, das dicken schwarzen Rauch ausspuckte. Links und rechts davon ragten zwei Kanonenrohre aus der Bordwand wie Ableger eines bösartigen metallenen Baums.

Das Motorschiff holte auf, soviel war sicher. Riana warf Torgur einen Blick zu, doch sein Blick war voller Entgeisterung. Erst, als die Piraten eine ihrer Kanonen abfeuerten und die Kugel zehn Meter vor dem Bug der Seeleopardin ins Wasser klatschte, erwachte der Kapitän wieder zum Leben und eilte zum Ruderstand.

„Kapitän“, schrie Riana, „was wollt Ihr unternehmen?“

„Was soll ich schon machen?“ brüllte Torgur zurück. „Raus aufs offene Meer und hoffen, sie abzuhängen und den Kanonen auszuweichen! Oder soll ich vielleicht mit meiner Pistole zurückschießen? Wir sind ein Handelsschiff, wir haben keine Kanonen!“

„Ich verstehe“, sagte Riana, mehr zu sich selbst als zu ihm. Sie spürte wieder diese Ruhe, wie schon bei den Kultisten der Erdgötter. Ihre Finger schlossen sich um den Blitzwerfer, den sie unter ihrer Kleidung verborgen hatte, zogen die Waffe hervor und aktivierten sie. Der Kristall erstrahlte in unheilvollem weißem Licht, doch es war nicht so grell und nicht so unstet wie in jener verhängnisvollen Nacht, die Riana so lange her vorkam, obwohl es nicht mal ein Monat war.

Torgur sah, was sie vorhatte, und nickte grimmig. Seine Lippen bewegten sich in einem Gebet. Wahrscheinlich versprach er seinen Göttern weitere Opfer, wenn sie ihn und sein Schiff erretteten. Riana betete nicht. Sie suchte sich einen sicheren Stand und zielte. Konzentrierte sich auf das Auf und Ab der Wellen. Richtete die Waffe mit beiden Händen aus. Und drückte den Auslöser.

Ein ohrenbetäubendes Krachen schallte über das Meer. Gleißendes Licht flammte auf und ließ bunte Sterne vor Rianas Augen tanzen. Ein gezackter weißer Blitz fraß sich durch die Luft und schlug in die Bordwand des Piratenschiffs ein. Ein Schaufelrad explodierte in einem Schauer von verkohlten Holzstücken, und Flammen schlugen in die Höhe. Der Rückstoß des Blitzwerfers riss Riana die Arme in die Höhe, und kleine weiße Energieentladungen krochen züngelnd über ihren Körper. Sie spürte das Kribbeln und wie sich ihre Haare aufrichteten, doch ansonsten schien ihr nichts passiert zu sein.

Sie blinzelte ein paar Mal, bis sich ihre Sicht normalisiert hatte. Wie aus weiter Ferne drang der Jubel der Nordländer an ihr Ohr. Unwirklich langsam neigte sich das Piratenschiff zur Seite. Die Bordwand war bis unter die Wasserlinie aufgerissen. Männer und Frauen versuchten in verzweifelter Eile, Rettungsboote klarzumachen, oder sprangen einfach über Bord.

Als Riana endlich den Blick abwandte, sah sie Torgur neben sich stehen. Dem Kapitän stand die Erleichterung deutlich ins Gesicht geschrieben. „Für einen Moment haben mich die Götter wirklich an der Nase herumgeführt“, lachte er. „Sie wollten mich wohl lehren, nicht an ihnen zu zweifeln.“

© Frank Tarcikowski

1.5.07 14:58


Die liebliche Provinz (7)

Die Administration der Garde lag im innersten Ring der Stadtmauern, unweit des Gipfels des heiligen Berges. Den Geschichtsbüchern zufolge war der Berg früher ein Vulkan gewesen, der oft und mit furchtbarer Gewalt ausbrach. Savor hatte seinen Anhängern befohlen, sich am Fuße des Berges niederzulassen. Die Schwachen und Ungläubigen hatten es nicht gewagt, doch die wahren Gläubigen hatten ihrem Gott vertraut. Und Savor in seiner Güte hatte dem Vulkan befohlen zu erkalten, und so war es geschehen. Die Feiglinge aber, die davongelaufen waren, waren zurück gekrochen gekommen und hatten zur Strafe für ihren Unglauben niedere Dienste erledigen müssen für jene, die stark im Glauben gewesen waren. So manche Adelsfamilie bildete sich bis heute viel darauf ein, ihre Wurzeln bis zu diesem Ereignis zurückverfolgen zu können. 

Heute beherbergte der breite Krater des Vulkans den Palast des Imperators, den Palastgarten, die Regierungsgebäude und das oberste Gericht. Die Administration der Garde befand sich am Kraterrand. Ein an einem Stahlseil gezogener Wagen, der auf Schienen fuhr, brachte Riana und ihre Eskorte dort hinauf. Es begleitete sie dieselbe junge Gardistin, die ihr die Waffen abgenommen hatte. Sie war ein hübsches Ding, mit dunkelblonden Locken und Sommersprossen, und fast noch ein Kind. Aufgeregt befragte sie Riana über die Lage in Benevia und war ehrlich bestürzt über das, was sie hörte. Riana hingegen konzentrierte sich nur halb auf das Gespräch, denn sie sah aus dem Fenster.

Auch in Savoria waren natürlich die Spuren des Sonnenfeuers unverkennbar, verdörrte Pflanzen, aufgeplatzter Putz und hin und wieder Zeichen eines Brandes. Doch die Straßen waren sauber, die Passanten sahen wie wohlhabende Bürger aus und gingen unbewaffnet und ohne ständig über die Schulter zu blicken. Überall sah Riana das Gold der Imperialen Garde, und das Sonnenbanner flatterte über fast jedem Haus. 

Schließlich erreichten sie die Administration, einen Prachtbau aus Stuck und Marmor, gegen den die Akademie in Nemeti sich wie eine ärmliche Hütte ausmachte. Statuen verdienter hoher Administratoren, so groß wie drei Männer, blickten Ehrfurcht gebietend auf Riana und ihre Begleiterin herab. 

Das Mädchen führte Riana jedoch in einen weniger prächtigen Trakt, und sie sah mehrere Gardisten, die Männer in Ketten eben dorthin zerrten. Laute Protestrufe und Beschimpfungen hallten in dem hohen Gang wider. „Wir haben leider keine angemessene Unterkunft für solche Fälle“, entschuldigte sich die junge Gardistin. „Ich muss Euch daher kurz in einer Arrestzelle unterbringen, während ich die Administration informiere. Es wird gewiss nicht lange dauern.“

Riana runzelte die Stirn, nickte aber. Es war gut zu sehen, dass die Garde auf der Hut war. Das Mädchen führte sie in einen gut bewachten Zellentrakt im Keller des Gebäudes. Zahlreiche Gittertüren säumten einen langen Korridor, und es war ziemlich laut. Die meisten der Zellen schienen überbelegt zu sein, Riana erhielt jedoch eine enge, aber saubere Zelle für sich allein.

 

„Ho ho“, rief jemand, „seht nur, schon wieder ein Goldener! Es geht bergab mit der Truppe.“ Grölendes Gelächter schallte über den Gang. Riana ignorierte es und ließ sich auf ihrer Pritsche nieder, die Augen an die gegenüberliegende Wand gerichtet.

 

„Nun, was habt Ihr angestellt?“ fragte eine weibliche Stimme. „Den Kopf zum Denken gebraucht?“

 

Die Stimme klang sanft und kultiviert, und Riana hob überrascht den Kopf. Von der Gittertür der Zelle gegenüber sah sie eine Frau Ende zwanzig an, ungefähr im selben Alter wie Riana. Die Sprecherin hatte ein schmales, kluges Gesicht und kurze rote Haare. Sie machte einen gepflegten Eindruck. Hinter ihr auf der Pritsche lag eine weitere Frau, von der Riana nichts erkennen konnte außer dass ihr Haar verfilzt und ihre Kleidung zerlumpt war. Eine dritte, grauhaarige Frau in einem schwarzen Trauergewand kauerte in einer Ecke der Zelle am Boden.

Die Sprecherin lächelte freundlich. „So überrascht, eine Frau von Stand hier unten zu sehen? Ihr könnt noch nicht lange bei der Truppe sein.“

 

Riana hätte nicht mit den Gefangenen sprechen sollen, doch ihre Neugier siegte. „Ich bin nicht von hier“, antwortete sie. „Ich komme aus Benevia.“

 

„Oh wie schön, aus der lieblichen Provinz.“ Die Frau lächelte sardonisch. „Nun denn, Gardistin aus Benevia, willkommen in der glorreichen Reichshauptstadt. Mein Name ist Kigara, von den Sevriern. Man hat mich gestern kurz vor Morgengrauen aufgelesen, als ich mal wieder die Ausgangssperre missachtet habe. Ich bin gespannt, wie lange man mich dieses Mal festhalten wird. Letztes Mal waren es drei Wochen.“

 

„Dann müsst Ihr schon wiederholt die Ausgangssperre verletzt haben, wenn man Euch zu einer Haftstrafe verurteilt hat“, entgegnete Riana.

 

„Verurteilt?“ Kigara kicherte, ein erstaunlich unschuldig klingender Laut. „Wo denkt Ihr hin? Wegen so einer Sache gibt es doch heutzutage keinen Prozess mehr. Sie lassen einen einfach ein bisschen schmoren, bis sie denken, dass man seine Lektion gelernt hat. Natürlich gibt es auch andere, die mit den Goldenen besser stehen und derlei Schikane nicht zu befürchten haben. Aber Dissidenten wie ich…“

 

Riana musterte die Frau erneut. Sollte sie ihr glauben? Es war nur natürlich, dass eine Gefangene auf diejenigen schimpfen würde, die sie festgenommen hatten. Kigara deutete ihren Blick richtig. „Ihr glaubt mir nicht, oder? Dann seht Euch doch hier unten einmal um. Hier findet Ihr nicht nur Gesindel. Dichter, Sänger, Philosophen, politische Sprecher, Kritiker jeder Art. Alle, die sich nicht unter die neue harte Hand des Gesetzes fügen wollen, die in Wirklichkeit die Hand der Willkür ist! Wie Suimera hier.“ Sie deutete auf die alte Frau in schwarz, die nicht aufblickte. „Sie trauert um ihren Sohn, den die Goldenen bei einem Aufruhr letzte Woche erschlagen haben. Sie wurde aufgefordert, das Trauern zu unterlassen, weil ihr Sohn ein Feind des Staates gewesen sei. Als sie sich geweigert hat, brachte man sie hierher. Sie soll kein Beispiel des passiven Widerstandes werden.“

 

Immer noch wusste Riana nichts zu sagen. Was hatte all das zu bedeuten? Sicher war ein hartes Durchgreifen erforderlich, um in diesen unruhigen Zeiten die Ordnung aufrecht zu erhalten. Aber eine Frau einsperren, weil sie um ihren Sohn trauerte? Sie wandte sich ab und streckte sich auf ihrer Pritsche aus. Schlagartig wurde ihr bewusst, wie erschöpft sie noch immer von der Seekrankheit war. Binnen Sekunden war sie eingeschlafen.

 

Die Wächter brachten zweimal Essen, ehe man sie holte, hartes Brot und Wasser, das Riana hungrig verschlang. Zwischendurch hatte sie die meiste Zeit geschlafen. Einmal war sie hochgeschreckt, als es tief unter der Erde grollte und der Boden erbebte. Das kam in letzter Zeit häufiger vor, erklärte ihr Kigara. Manche glaubten, der heilige Berg würde bald wieder Feuer speien. Kigara unternahm noch ein paar Versuche einer Unterhaltung, gab es aber schließlich auf, als Riana sie ignorierte. 

 

Dann endlich kamen zwei Gardisten und führten Riana in ein karges Verhörzimmer. Einer der Männer setzte sich ihr gegenüber an den Tisch, der andere blieb hinter ihr stehen. Ohne Vorrede begannen sie, ihr Fragen zu stellen. Wo sie genau herkam, wann sie auf der Akademie gewesen war, welche Lehrer und Fächer sie dort gehabt hatte. Nach Vorschriften aus dem Kodex der Imperialen Garde wurde sie gefragt und nach anderen Dingen, die sie gelernt hatte, aber auch nach persönlichen Dingen, nach ihren Lebensumständen, der Lage in Benevia und dem Grund ihres Besuchs in der Hauptstadt. Die Männer wandten Verhörtechniken an, wie man sie den Gardisten an der Akademie beibrachte, erkannte Riana und zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie wurde verhört wie eine gemeine Kriminelle!

 

Nach einem zermürbenden zweistündigen Gespräch wurde sie wieder in ihre Zelle geführt. Immerhin hatte einer der Gardisten genug Anstand, sie zu bitten, sich noch etwas zu gedulden, bis man sie holen würde. Kigara beobachtete sie mit einem spöttischen Lächeln. „Ihr seht überrascht aus, euch wieder hier zu finden“, bemerkte sie spitz.

 

Die Wächter brachten ein weiteres Mal Essen, ehe Riana erneut geholt wurde, dieses Mal von einem einzelnen Gardisten, der sie deutlich höflicher behandelte. „Entschuldigt die Unannehmlichkeiten“, sagte er. „Ihr glaubt gar nicht, wie oft kriminelle Subjekte mit gestohlenen Insignien versuchen, sich hier einzuschleichen. Meistens nennen sie entlegenere Provinzen als Ihr, doch man weiß ja nie.“

Einer der Wächter am Eingang des Zellentrakts händigte Riana ihre Waffen wieder aus. Dann brachte man sie in einen anderen Flügel des Gebäudes, in dem der Fußboden mit prächtigen Mosaiken gepflastert war und antike Waffen und Rüstungen die Wände zierten.

 

Geduldig wartete sie, Stunden, wie es ihr vorkam, auf einer steinernen Bank, bis sie in ein geräumiges Büro gerufen wurde. Hinter einem Schreibtisch saß eine ältere Dame in den Gewändern einer Beamtin, die von einer goldenen Brosche zusammengehalten wurden.

 

„Ich grüße Euch, Gardistin Riana“, sagte die Beamtin steif. „Inzwischen wurde Eure Identität bestätigt. Bitte, nehmt Platz.“

 

„Ich danke Euch, Herrin Direktor“, antwortete Riana, den Titel der Beamtin von dem Schild auf ihrem Schreibtisch ablesend. Vorsichtig ließ sie sich auf einem weich gepolsterten Stuhl nieder. „Ich komme zu Euch, um Eure Hilfe zu erbitten. Das Dorf, das zu beschützen meine Pflicht ist, wird von einer Bande Räuber bedroht, ehemaligen Söldnern, die das Gesetz nicht mehr fürchten und ganz ungeniert ihr Unwesen treiben. Ohne meine thaumaturgische Ausrüstung kann ich nicht…“

 

„Ich weiß, Gardistin“, schnitt die Herrin Direktor ihr das Wort ab. „Mir wurde davon berichtet. Bedauerlicherweise kein Einzelfall. Ich fürchte, die Garde ist nicht in der Lage, Gardisten in der erforderlichen Mannstärke aufzustellen, um jedem solchen Fall nachzugehen. Den Imperialen Frieden wiederherzustellen ist eine Aufgabe, die der Armee zufällt.“

 

„Gut“, rief Riana erleichtert, „gut! Schickt die Armee, ja, die Armee, das wäre wunderbar! Eine Kompanie schwere Infanterie sollte völlig ausreichen. Hat die Armee inzwischen auch Kanonen? Sie sind zwar keine Blitzwerfer, aber immer noch besser, als mit ein paar Hellebarden gegen die Kraftwagen anzutreten.“

 

Das Gesicht der Beamtin wurde weicher. „Ich fürchte, Ihr habt mich missverstanden“, erklärte sie. „Der Imperator schickt die Armee nicht aus, um auf einzelne Hilferufe zu reagieren. In vielen Provinzen ist die öffentliche Ordnung zusammengebrochen. Der Imperator wird strategisch vorgehen, um den Imperialen Frieden nach und nach in allen Provinzen wiederherzustellen. Benevia ist noch nicht an der Reihe.“

 

Riana saß wie versteinert. Es dauerte einige Sekunden, ehe sie ihre Sprache wiederfand. „Soll das heißen… heißt das, Ihr könnt mir nicht helfen?“ Ungläubig starrte sie ihr Gegenüber an. „Ich bin den ganzen Weg hierher gekommen, und Ihr… schickt mich weg?“

 

„Es tut mir leid“, beteuerte die Beamtin und schien es tatsächlich so zu meinen. „Es gibt nichts, was ich für Euch tun kann.“

 

„Es muss etwas geben“, widersprach Riana. „Irgend etwas. Gebt mir wenigstens etwas Geld. Und Waffen! Gebt mir Waffen!“

 

„Kanonen kann ich euch keine geben“, erwiderte die Herrin Direktor. „Die Armee hat selbst erst begonnen, welche zu bauen, und braucht sie für eigene Zwecke. Die Garde hat keine Kanonen, und Armbrüste auch nicht im Überfluss. Aber ich werde sehen, was ich tun kann. Das verspreche ich.“

 

© Frank Tarcikowski
30.4.07 12:22


Die liebliche Provinz (6)

„Ein Sturm zieht auf“, prophezeite Rianon. „Ich hoffe, ihr werdet nicht leicht seekrank.“ Der alte Kapitän hielt das Ruder sicher in seinen schwieligen Händen und spähte durch eines der geschwärzten Bullaugen. Die Segel an den drei Masten der Südwind blähten sich in einer steifen Brise, und der bauchige Rumpf des Handelsschiffes neigte sich zur Seite.

Ein paar Männer kamen an Deck, um die Segel einzuholen und am vorderen Mast eine kleine Sturmfock zu setzen. In ihrer Schutzkleidung bewegten sie sich ungelenk in der Takelage, was bei der unruhigen See nicht ungefährlich war, aber das war immer noch besser als sich die eigene Haut vom Körper zu schälen. Zwar war die Sonne hinter einer dünnen Wolkenschicht verborgen, doch ihre Kraft war immer noch erbarmungslos. Schiff und Segel wurden regelmäßig mit Meerwasser bespritzt, um sie abzukühlen und die Entzündungsgefahr im Griff zu halten.

„Ich komme aus einer Fischerfamilie“, antwortete Riana verspätet. „Mein Vater hat mir die richtigen Beine vererbt.“

Rianon nickte. „Das ist gut. Es wird ein schwerer Sturm. Wir fahren nach Kompass, Karte und Gefühl und versuchen, uns möglichst in tiefem Wasser zu halten. Bisher haben wir es immer noch irgendwie geschafft.“ Fast zärtlich streichelte er das Steuerrad.

Riana war froh, den alten Mann in Nemeti getroffen zu haben. Er war ein Kapitän der Imperialen Handelsflotte und schien ein aufrichtiger Mensch zu sein. Zu Rianas Glück hatte er ihr erspartes Gold als Bezahlung für die Überfahrt nach Savoria akzeptiert. „Ja, in der Hauptstadt sorgt die Garde noch für Ruhe und Ordnung“, hatte er auf ihre Frage geantwortet. „Dort wird das Gesetz strikter befolgt als je zuvor.“ Und so gestattete sie sich einen Funken Hoffnung.

Wenig später lag sie elend in ihrer Koje in der kleinen Gästekajüte und erbrach bittere Galle auf die geteerten Holzplanken. Die Südwind rollte und stampfte durch die haushohen Brecher und legte sich immer wieder bedenklich auf die Seite. Das Brüllen des Sturms und das protestierende Ächzen der Spanten waren ohrenbetäubend. Riana hatte das Gefühl, dass die Wände näher kamen. Sie schloss die Augen, und alles drehte sich um sie. Ohne das Leesegel wäre sie einfach aus der Koje gerollt.

Für eine schier endlos scheinende Zeit dämmerte sie so vor sich hin. Manchmal fiel sie in einen unruhigen, traumgeplagten Schlaf. Sie träumte von riesigen Maschinen und dem Gestank von Öl und Ruß. Von der entstellten Fratze des Westländers, der sie als erster vergewaltigt hatte, und dutzenden von Händen, die brutal nach ihr griffen. Von einem kleinen Fischerboot, das vom Sturm an den Felsen zerschmettert wurde. Von Saia, ihrer kleinen Tochter, die weinend durch die verbrannten Gärten der Akademie in Nemeti irrte, eine Puppe im Arm, und die heranhetzenden Bullterrier nicht sah, doch so sehr Riana auch versuchte zu schreien, kein Laut kam über ihre Lippen. Und immer wieder sah sie im Traum Pervon, der sie traurig beobachtete, und irgendwie hatte sie das beruhigende Gefühl, dass er über sie wachte.

Irgendwann ließ der Sturm nach, und Riana konnte wieder aufstehen. Beschämt erbat sie sich einen Eimer Wasser, mit dem sie sich selbst und ihre Kajüte reinigte, so gut sie konnte. Der Matrose, der ihr den Eimer brachte, berichtete, dass Savoria nicht mehr weit war. Daraufhin legte sie ihre goldene Gardeuniform an, schnallte Schwert und Blitzwerfer um und begab sich an Deck.

Der Wind war abgeflaut, doch die Dünung stand noch recht stark und ließ das Deck wanken. Die Wolken hatten sich zu einer mondhellen Nacht verzogen. Zur Linken ragte eine dunkle Küste auf, zur Rechten erstreckte sich das weite Meer. Voraus konnte Riana bereits die Lichter von Savoria ausmachen. Ihr Herz schlug höher. Sie hatte schon viele Bilder der legendären Imperialen Hauptstadt gesehen, doch sie war noch nie dort gewesen.

Savoria war gigantisch. Die Stadt erstreckte sich an den Hängen des heiligen Berges und weit entlang der Küsten und ins Hinterland. Drei Häfen, fünf Ringe von Stadtmauern und schier unendlich viele Kuppeln, Türme, Straßen, Kanäle, Brücken und Tore. Prächtige Bauten, die die Architektur aller Regionen des weiten Imperiums widerspiegelten und bei Nacht von Gasscheinwerfern angestrahlt wurden. Und auf einer Insel vor der Stadt erhob sich der legendäre Leuchtturm, vor dessen drei symmetrischen Außenmauern sich drei riesige, komplett vergoldete Statuen des Sonnengottes Savor erhoben: Als wehrhafter Krieger mit dem Schwert, als weiser Richter mit dem Hammer und als sinnlicher Verführer mit dem Weinkelch.

Riana sah ein ganzes Geschwader majestätischer Kristallkreuzer im Hafen liegen, doch keines der Thaumaturgenschiffe rührte sich. Stattdessen kam ihnen eine leichte geruderte Galeere mit einem einzelnen Mast und einem langen Rammsporn entgegen. Die Südwind drehte bei, die Galeere kam längsseits, und mehrere Männer und Frauen in goldener Uniform kamen an Deck. Bei ihrem Anblick schlug Rianas Herz höher. Sie straffte ihre Schultern und trat dem ranghöchsten Offizier gegenüber.

„Herr Hauptmann, Gardistin Riana von der Imperialen Garde zu Benivia“, rief sie, so schneidig sie konnte.

Der Hauptmann, ein Mann Ende dreißig mit einem kantigen Gesicht und kurzen blonden Haaren, musterte sie einmal von Kopf bis Fuß. „Willkommen in Savoria“, sagte er dann, seine Worte mit Bedacht wählend. „Vielleicht seid Ihr, die Ihr zu sein vorgebt, vielleicht auch nicht. Leider kann man da heutzutage nicht mehr so sicher sein. Doch die Administration wird dies schnell feststellen. Wenn Ihr also wirklich eine Gardistin seid, habt Ihr nichts zu befürchten. In der Zwischenzeit bitte ich Euch, mir Eure Waffen auszuhändigen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme zu unserer und Eurer eigenen Sicherheit.“ Der Hauch eines entschuldigenden Lächelns trat auf sein Gesicht.

Dies war nicht die Begrüßung, die Riana sich erhofft hatte, aber was der Hauptmann sagte, ergab Sinn. Riana nickte knapp. „Ja, Herr“, sagte sie, und löste langsam den Gurt um ihre Hüften. Eine junge Gardistin, keine zwanzig, eilte herbei, um ihr die Waffen abzunehmen.

Nachdem die Garde die Inspektion der Südwind abgeschlossen hatte, nahmen sie Riana mit auf ihre Galeere. „Lebt wohl“, rief sie Rianon noch zu. „Und danke!“ Der alte Mann winkte ihr nach, doch irgendwie schlich sich Pervons betrübtes Gesicht anstelle des seinen in Rianas Kopf.

© Frank Tarcikowski

29.4.07 19:42


Die liebliche Provinz (5)

Riana blieb noch eine weitere volle Nacht auf dem Landsitz. Lina, das Hausmädchen, erwies sich als eine große, schweigsame Frau und als eine gute Köchin und Pflegerin. Sie wechselte Rianas Verband, und Riana konnte sehen, dass die Wunde sauber war und schnell heilte. Zum Glück hatte der Pfeil nicht sehr tief gesessen.

Danach fühlte Riana sich in der Lage, aufzustehen und sich ein wenig umzusehen. Das Gutshaus war schlicht, aber geschmackvoll eingerichtet. Riana aß mit Pervon zu Mitternacht und kostete etwas von dem Wein, der noch in den Kellern lagerte. „Es ist ein Jammer, dass wir ihn nicht mehr anbauen können“, seufzte der Thaumaturg. „Unsere Vorräte gehen langsam zur Neige, doch gleichzeitig werden sie auch immer wertvoller. Gegen eine Kiste Wein kann ich in Nemeti eine Menge nützliche Dinge tauschen.“

„Warum seid Ihr überhaupt hier?“ erkundigte sich Riana, vom Wein redselig geworden. „Ich meine, Ihr seid doch kein Benevier. Hättet Ihr nicht in Vistoria bleiben können, oder in die Hauptstadt gehen? Das wäre doch sicher geselliger und weniger gefährlich als hier.“

Pervon sah sie mit traurigem Blick an. „Magie war mein Leben. Nachdem sie mich verraten hatte, habe ich mich eine Weile nicht besonders gut benommen. Ich fürchte, es gab nicht mehr viele in Vistoria, die meine Gegenwart geschätzt hätten. Außerdem habe ich schon während meines Studiums geplant, mich in Benevia niederzulassen. Ich habe lange nach einem Landsitz gesucht, der meinem Geschmack entsprach, also werde ich meinen Ruhestand verdammt noch mal auch hier verbringen. Die Umstände mögen etwas widrig sein, doch ich bin störrisch.“ Sein Lachen war ohne Freude.

„Im Übrigen könnte ich mir vorstellen, dass Vistoria inzwischen von den Westländern überrannt wurde“, fuhr er fort. „Sie haben den Imperialen Frieden gebrochen und beten verstärkt zu ihren neuen Göttern der Weltenschmiede. Selbst aus den Reihen der Imperialen Armee haben sich ihnen Krieger angeschlossen. Sie respektieren kein Gesetz und nehmen sich, was sie können.“

Muss denn jedes Gespräch bei schmerzvollen Erinnerungen enden? dachte Riana und schlug den Blick nieder. „Vor denen seid Ihr auch in Benevia nicht sicher“, sagte sie.

Am nächsten Abend brachen sie auf. Zu dem Landsitz gehörte ein Stall mir drei Pferden. Zwei davon sattelte Sebion für sie auf. Linas Mann war eben so groß und schweigsam wie sie und arbeitete als Stallknecht und Gärtner für Pervon. In Abwesenheit des Thaumaturgen kam den beiden die Aufgabe zu, Land und Haus zu bewachen.

Riana trug für die Reise grobe Arbeitskleidung, die Lina ihr gegeben hatte. Auch Pervon tauschte das standesgemäße Gewand eines Thaumaturgen gegen robustere und unauffälligere Kleidung. Er trug einen langen Dolch an der Seite, und an seinem Sattel waren eine leichte Schnellspanner-Armbrust und ein Bolzenköcher befestigt. Die Pferde trugen außerdem Wasserschläuche, etwas Proviant, ein Zelt für Notfälle und mehrere Kisten Wein, mit denen Pervon in Nemeti Tauschhandel treiben wollte. Geld wurde als Währung nur noch selten akzeptiert.

Pervon kannte den Weg gut, und sie kamen schnell und unbehelligt voran. In einer Nacht war die Strecke nicht zu schaffen, und so verbrachten sie den Tag in einer Herberge an der Reichsstraße. Riana erinnerte sich an diese Herberge, doch seit sie sie zum letzten Mal gesehen hatte, war sie durch Anbauten auf die doppelte Größe herangewachsen. Das abgeblätterte Schild mit der Aufschrift „Zum Birnenhain“ war kaum noch lesbar, und der namensgebende Hain zeigte trotz der Sonnensegel wenig von seiner früheren Pracht.

Mehrere grobschlächtige Männer in Lederpanzern mit Schwertern und Armbrüsten bewachten den Eingang und forderten von ihnen, die Waffen abzulegen. Riana war froh, dass sie auf Pervons Rat ihren Blitzwerfer tief in ihrem Rucksack versteckt hatte. Doch auch beim Anblick ihres Schwertes, das unverkennbar das Wappen der Garde trug, zog der Wachmann eine Augenbraue hoch. Der Schankraum war gerammelt voll, und neben Bauern und Krämern fand sich hier auch eine ganze Menge zwielichtiges Gesindel. Dieser Eindruck verstärkte sich, als sie am nächsten Tag die Reise auf der Reichsstraße fortsetzten und sich der Verkehr verdichtete, je näher sie der Stadt kamen.

An der Scurion-Brücke mussten sie Wegzoll bezahlen, einen Becher verwässerten Wein, doch die Zöllner sahen eher wie eine Bande Halsabschneider aus als wie Männer des Imperiums. Riana spürte einen dicken Kloß in ihrem Hals, als sie die Stadtmauern passierten und die Hauptstraße entlang ritten. Viele Fackeln und Laternen brannten, und es herrschte geschäftiges Treiben, doch dieses Treiben hatte etwas Verstohlenes an sich. Fast jeder trug offen eine Waffe, und die Uniform der Garde suchte man vergebens.

Riana konnte nicht anders, als der Akademie einen Besuch abzustatten. Es war ein schöner Ort gewesen, ein grüner Garten mit alten Bäumen, Kanälen und den weißen Marmorfassaden der Wohn- und Lehrhäuser. Doch nun waren die Gärten verbrannt und leer, die Fenster vernagelt, und von den Kanälen stieg ein fauliger Gestank empor. Als sie sich näherte, wurde sie von Hundegebell aufgeschreckt. Ein kleiner, dicker Mann, der zwei große Bullterrier führte, tauchte hinter einem der Häuser auf. Die Hunde fletschten die Zähne und zerrten an der Leine, sodass er sie kaum halten konnte. „Verschwinde“, keifte er.

„Ich bin ein Mitglied der Imperialen Garde“, herrschte Riana ihn an und zog ihr Schwert. „Wer bist du und was hast du hier zu suchen?“

Der Mann brach in schrilles Gelächter aus. „Die Garde wohnt hier nicht mehr, Mädchen“, kicherte er. „Steck das Schwert weg, du wirst dir noch wehtun.“ Riana kämpfte ihre aufsteigenden Tränen nieder, machte auf dem Absatz kehrt und versuchte, sich ein bisschen Würde zu bewahren, als sie von dannen schritt.

Wenig später stand sie vor dem schweren, eisenbeschlagenen Tor des Gouverneurspalastes. Das Anwesen lag auf einem Hügel, der von einer hohen Mauer umgeben war. Die Gärten an den Hängen waren mit Sonnensegeln überspannt, der Palast hell erleuchtet. Die Torwache, eine Frau Anfang vierzig, sprach durch ein kleines Fenster mit Riana.

„Du bist ganz schön mutig“, sagte sie anerkennend, nachdem Riana mit wenigen Worten ihre Geschichte erzählt hatte. „Es gibt hier bestimmt einen Platz für dich. Der Gouverneur hat viele aus der Garde aufgenommen.“

„Dich also auch“, entgegnete Riana kalt.

Das Gesicht der Frau verfinsterte sich. „Ja, ich war auch ein Mitglied der Garde. Was hätte ich tun sollen? Nur mit meinem Schwert gegen eine Überzahl Halunken kämpfen? Mein eigener Blitzwerfer ist in meiner Hand explodiert! Wäre die Sonne an jenem Tag etwas zorniger gewesen, wäre ich jetzt tot.“ Sie zog einen Handschuh von ihrer rechten Hand und zeigte Riana die schweren Brandnarben. „Also verurteile mich nicht. Ich habe meinen Eid nicht leichten Herzens gebrochen, aber mir liegt zu viel an meinem Leben, um es sinnlos aufs Spiel zu setzten.“

„Sinnlos?“ Riana war erschüttert. „Wie kannst du das sagen, sinnlos?“

Mit einem Kopfschütteln zog die Frau ihren Handschuh wieder über. „Wir können dir nicht helfen, so leid es mir tut. Wir sind gerade mal in der Lage, für uns selbst zu sorgen. Wenn du es dir noch anders überlegst, leite ich deine Bewerbung gerne an den Gouverneur weiter.“

„Nein“, erwiderte Riana voller Bitterkeit. „Ich könnte so nicht leben.“

Sie traf Pervon auf dem Markplatz wieder, wo sie sich verabredet hatten. Er führte seine beiden Pferde am Zügel und machte einen zufriedenen Eindruck. „Die Nachfrage nach den angenehmen Dingen des Lebens ist größer denn je, jetzt, da sie so selten geworden sind“, erklärte er. „Und, wie ist es Euch ergangen?“

„Ihr hattet Recht.“ Riana versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Hier finde ich keine Hilfe. Ich werde mir eine Überfahrt nach Savoria suchen müssen.“

Seine Stimme klang seltsam belegt, als er antwortete: „Nun, dann wünsche ich Euch viel Glück. Ihr werdet immer ein willkommener Gast in meinem Hause sein.“

„Habt dank für alles, Pervon.“ Riana umarmte ihn kurz und wandte sich dann betreten ab. „Lebt wohl.“

© Frank Tarcikowski

29.4.07 16:38


Die liebliche Provinz (4)

„Ihr seid wach!“ Die Stimme drang wie durch dicke Watte zu ihr, und sie blinzelte, um den Sprecher besser zu erkennen, doch das Bild verschwamm. „Es tut mir leid, mein Zauber sollte eigentlich nur Eure Verfolger treffen“, fuhr die Stimme betreten fort. „Doch wie es aussieht, ist Magie eine unzuverlässige Dienerin dieser Tage.“

Riana blinzelte erneut und erkannte nun, dass sie sich in einem schlichten Gemach mit weiß getünchten Wänden befand. Das Fenster war mit Fensterläden und Vorhängen verschlossen, doch trotzdem konnte sie erkennen, dass dahinter Tageslicht herrschte. Zwischen zwei Wandkerzenhaltern hing ein verblichenes Ölgemälde von grünen Weinbergen. Riana lag in einem weichen Bett und war mit einem Laken zugedeckt.

An ihrem Bett saß ein Mann Ende vierzig, schlank, aber nicht so dürr wie jemand, der Hunger litt. Das Gesicht war glatt rasiert und furchig, das mittellange schwarze Haar von grauen Strähnen durchzogen, aber noch voll. Der Mann trug Hemd und Hose aus glänzend violettem Stoff, mit einem breiten Gürtel, auf dessen Schnalle das Sonnenemblem prangte.

„Ihr seid ein Thaumaturg“, bemerkte Riana mit belegter Stimme. „Ihr seid mutig, Eure Kräfte überhaupt noch zu gebrauchen.“

„Ich wage es nicht mehr oft“, antwortete er traurig, „weder die Hellsicht, meine Hauptdisziplin, noch andere Zauber. Doch vergebt meine Unhöflichkeit. Ich bin Pervon, einst hoher Thaumaturg des Gouverneurs von Vistoria. Ihr befindet Euch auf meinem Landsitz… meinem Ruhestandsdomizil.“

„Seid ihr nicht noch etwas zu jung für den Ruhestand?“ Riana war immer noch etwas benommen, daher fiel ihr zu spät auf, dass diese Frage recht unhöflich war.

Sarkasmus schwang in seiner Stimme mit, als er antwortete: „Ich wurde nicht aus Altersgründen ausgemustert.“

„Ich danke jedenfalls Savor, dass ihr zugegen wart, um mir zu helfen“, wechselte Riana schnell das Thema. „Und euch danke ich natürlich auch.“

Pervon zuckte die Achseln. „Es wurde ohnehin einmal Zeit, dieses Kultistenpack in seine Schranken zu weisen. Ein Mann hat heutzutage alle Hände voll zu tun, um seinen Besitz gegen jene zu verteidigen, die meinen, ihn sich einfach nehmen zu können.“

„Dann ist es also auch hier so schlimm“, murmelte Riana.

Der Thaumaturg nickte. „Die öffentliche Ordnung ist in ganz Benevia zusammengebrochen. Es war klug von euch, eure Uniform zu verstecken. Sie ist kein besonders beliebter Anblick mehr.“

Riana schlug betreten die Augen nieder. Eine Uniform hatten die Gesetzlosen zerschnitten, die andere, die sie besaß, hatte sie ganz unten in ihrem Rucksack verstaut. Sie war ohnehin nicht für den Straßenstaub gemacht, hatte sie sich eingeredet.

„Was ist mit Nemeti?“ fragte sie. „Dem Gouverneur? Der Gardeakademie? Dem Flottenstützpunkt? Ich bin auf dem Weg dorthin, um Hilfe für mein Dorf zu erbitten, das von eine Räuberbande bedroht wird.“ Schon während sie die Fragen aussprach, ahnte sie die Antwort.

„Die Flotte hat ihre Segler abgezogen“, erklärte Pervon. „Ein paar Kristallkreuzer liegen noch im Hafen, aber inzwischen sind sie ausgeschlachtet. Es würde ohnehin niemand wagen, sie einzusetzen. Der Gouverneur verschanzt sich in seinem Palast und scheißt auf die öffentliche Ordnung, solange er selbst in Sicherheit ist. Die meisten Gardisten, die noch in der Stadt sind, sind bei ihm. Die Akademie wurde schon vor Jahren geschlossen. Ich fürchte, euer Gesuch wird auf taube Ohren stoßen.“ Als er den Ausdruck in Rianas Gesicht sah, fügte er hinzu: „Es tut mir leid.“

Riana schüttelte den Kopf. „Ich werde es dennoch versuchen“, schwor sie. „Und wenn ich in Nemeti nichts erreiche, suche ich ein Schiff, das mich nach Savoria bringt.“ Sie richtete sich auf und spürte zu ihrer Überraschung nur ein leichtes Pochen in ihrer Hüfte. Über die Pfeilwunde spannte sich ein fachmännisch angelegter Verband. „Habt Ihr mich verbunden?“ fragte sie, halb dankbar, halb beschämt.

Der Thaumaturg schüttelte den Kopf. „Das war Lina, mein Hausmädchen. Sie und ihr Mann sind meine einzige Gesellschaft hier. Ich werde ihr gleich bescheid sagen, dass Ihr wach seid. Sie wird euch Essen und Trinken bringen. Ihr solltet noch ein wenig zu Kräften kommen, ehe ihr wieder aufbrecht.“

„Das ist sehr freundlich von Euch, doch ich habe wenig Zeit“, entgegnete Riana. „Jeder Tag zählt.“

Er lächelte, das erste Mal in ihrer Unterhaltung. „Es wird eurem Dorf nicht helfen, wenn Ihr Euch umbringt“, stellte er fest. „Aber ich sage Euch was. Ich wollte ohnehin demnächst nach Nemeti reisen, um einige Besorgungen zu machen. Ich werde das einfach ein wenig vorverlegen und euch begleiten. Was sagt Ihr?“

Kurz rangen Misstrauen und Dankbarkeit in Riana miteinander, doch dann siegte die Dankbarkeit, und sie erwiderte sein Lächeln. „Das wäre schön.“

© Frank Tarcikowski

21.4.07 02:17


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