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Die liebliche Provinz (2)

Bedächtig zog Riana das Schwert aus der Scheide und bewegte es hin und her, so dass das Licht der Öllampe sich in der polierten Klinge spiegelte. Die Waffe war ein Symbol gewesen, weiter nichts. Ein Rangabzeichen, das den Gardisten nach Abschluss ihrer Ausbildung verliehen wurde. Die meisten hielten es nicht einmal scharf. Im Schwertkampf übten sie sich allenfalls aus sportlichem Ehrgeiz. Riana hatte an der Akademie zur Fechtmannschaft gehört, doch das war acht Jahre her. Acht Jahre, in denen die Welt sich verändert hatte, wie niemand es für möglich gehalten hätte.

Ein Imperialer Gardist verwendet den Schlagstock, um zu betäuben, oder den Blitzwerfer, um zu töten, so hatte man es sie gelehrt. Doch das war gewesen, bevor die Sonne und die Kristalle verrückt spielten. Mit traurigem Blick betrachtete Riana den Gleiter, der in der Garage ihrer kleinen Wache abgestellt war. Als die Welt noch in Ordnung war, hätte er sie in weniger als einem Tag nach Nemeti gebracht. Bei Tageslicht. Doch jetzt würde er sie höchstens auf dem direkten Weg in die Unterwelt befördern. Sie würde zu Fuß gehen müssen.

„Komm, Saia“, rief sie und wandte sich zu ihrer Tochter um. Das kleine Mädchen kam lächelnd angelaufen, und Rianas Herz wurde schwer. Schnell schloss sie ihre Tochter in die Arme, um ihren Schmerz zu verbergen.

„Wie lange bleibst du weg, Mama?“ fragte Saia.

„Ich weiß nicht genau, Liebling“, antwortete sie und zerzauste Saias lockiges braunes Haar. „Vielleicht zwei Wochen. Vielleicht auch weniger. Oder mehr. Aber wenn ich zurückkomme, bringe ich die Garde mit, und dann wird alles gut. In der Zwischenzeit sei schön brav und mach Oma keinen Kummer, ja?“ Sie nahm ihre Tochter bei der Hand und führte sie hinaus aus der Wache, die Straße hinunter zum Haus der Familie.

Rianas Mutter sah bekümmert aus, als sie Saia in Empfang nahm. „Musst du das denn wirklich tun?“ klagte sie, nachdem sie die Kleine hinein geschickt hatte. „Saia hat schon ihren Vater verloren. Sie braucht dich. Und der Weg nach Nemeti ist lang und gefährlich dieser Tage.“

„Wir können uns von diesen Wilden nicht tyrannisieren lassen“, entgegnete Riana. „Ich werde das nicht zulassen. Noch gilt in diesem Land das Gesetz des Imperators, und nicht das Gesetz des Stärkeren!“

„Ach Liebes“, seufzte ihre Mutter. „Der Imperator ist fern, und Benevia ist nur eine unwichtige Provinz, jetzt wo die Weinberge alle verbrannt sind. Glaubst du wirklich, du wirst in Nemeti Hilfe finden?“

„Wenn ich sie dort nicht finde, nehme ich ein Schiff und segle direkt in die Hauptstadt“, schwor Riana. „Ich bin ein Mitglied der Imperialen Garde, und ich werde meine Heimat beschützen!“

„Ein Schiff?“ Die Augen ihrer Mutter weiteten sich vor Entsetzen. „Reicht es nicht, dass das Meer dir deinen Mann genommen hat? Auch die Winde spielen verrückt, hast du das vergessen?“

„Mutter!“ Rianas Miene verhärtete sich. „Was willst du von mir? Soll ich hier bleiben und zusehen, wie wir alle verhungern? Sie haben Vorräte genommen und Sonnensegel zerschnitten, und die meisten unsere Ziegen geschlachtet. Wovon sollen wir jetzt leben? Erst recht, wenn sie noch mal wieder kommen und uns noch mehr wegnehmen?“

Ihre Mutter blinzelte gegen die Tränen an. „Bleib doch wenigstens, bis du dich ein bisschen erholt hast. Dein Gesicht ist ja noch ganz geschwollen. Nach allem, was sie dir angetan haben…“ Ihre Stimme brach, und Riana schloss sie in die Arme.

„Ich komme wieder, das verspreche ich“, sagte sie, und wünschte sich, sie könnte so überzeugt davon sein, wie sie tat. Schnell griff sie ihr Bündel und wandte sich ab. Sie musste das Mondlicht nutzen, wenn sie vorankommen wollte.

Die Landschaft, durch die ihr Weg sie führte, war einst im ganzen Imperium für ihre Lieblichkeit berühmt gewesen. Sanfte Hügel, Weinstöcke, Obst- und Olivenbäume, verträumte kleine Buchten, einfache Häuser mit roten Dächern und gemütliche Menschen, die den Genuss mehr schätzen als den Streit. Das war Benevia, die liebliche Provinz. Gold, Edelsteine oder große Erzvorkommen suchte man hier vergebens, weshalb die Insel von Kriegen und Eroberungszügen meist verschont geblieben war, zumal sie schon sehr lange dem Imperium angehörte. Lediglich Erdöl gab es hier und da, und das war bis vor kurzem ein unbedeutender Rohstoff gewesen.

Im Licht des Mondes schweifte Rianas Blick nun über eine karge Einöde. Von Jahr zu Jahr war die Sonne angewachsen, waren ihre Strahlen erbarmungsloser geworden. Kein Mensch konnte bei Tag noch ohne Schutz lange überleben. Die Menschen in Rianas Dorf mussten vor Überflutungen ins Inland fliehen, plötzliche Stürme machten den Fischfang zu einem lebensgefährlichen Geschäft, und Felder und Beete mussten mit Sonnensegeln vor dem sengenden Tageslicht geschützt werden, was den Anbau auf sehr kleine Flächen beschränkte. Die Trockenheit erschwerte es weiter, eine Ernte einzubringen. Hunger, Krankheiten und Stürme hatten viele das Leben gekostet.

Riana verscheuchte diese düsteren Gedanken und konzentrierte sich auf den Weg. Zu Anfang kam sie gut voran, da sie die Gegend gut kannte. Doch nachdem sie einige Stunden unterwegs war, bewegte sie sich auf weniger vertrauten Pfaden, und ihre Landkarte nützte ihr wenig. Zu sehr hatte sich das Land verändert, und den Hauptstraßen wollte sie lieber fernbleiben, um nicht wieder Rukor und seiner Bande oder anderem Gesindel über den Weg zu laufen.

Als der Mond den Horizont küsste, machte sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Platz, um ihre Zelt aufzuschlagen. Sie fand ihn in einer windgeschützten Senke zwischen mehreren kahlen Baumskeletten. Zweimal kontrollierte sie die Knoten, ob sie auch halten würden. Das Zelt bestand aus zwei Lagen dicht gewebten Stoffs und würde die tödlichen Sonnenstrahlen fernhalten. Dennoch war es unerträglich heiß, und sie fand nur wenig Schlaf, der noch dazu von Alpträumen geplagt wurde.

© Frank Tarcikowski

18.4.07 12:14
 


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