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Die liebliche Provinz (5)

Riana blieb noch eine weitere volle Nacht auf dem Landsitz. Lina, das Hausmädchen, erwies sich als eine große, schweigsame Frau und als eine gute Köchin und Pflegerin. Sie wechselte Rianas Verband, und Riana konnte sehen, dass die Wunde sauber war und schnell heilte. Zum Glück hatte der Pfeil nicht sehr tief gesessen.

Danach fühlte Riana sich in der Lage, aufzustehen und sich ein wenig umzusehen. Das Gutshaus war schlicht, aber geschmackvoll eingerichtet. Riana aß mit Pervon zu Mitternacht und kostete etwas von dem Wein, der noch in den Kellern lagerte. „Es ist ein Jammer, dass wir ihn nicht mehr anbauen können“, seufzte der Thaumaturg. „Unsere Vorräte gehen langsam zur Neige, doch gleichzeitig werden sie auch immer wertvoller. Gegen eine Kiste Wein kann ich in Nemeti eine Menge nützliche Dinge tauschen.“

„Warum seid Ihr überhaupt hier?“ erkundigte sich Riana, vom Wein redselig geworden. „Ich meine, Ihr seid doch kein Benevier. Hättet Ihr nicht in Vistoria bleiben können, oder in die Hauptstadt gehen? Das wäre doch sicher geselliger und weniger gefährlich als hier.“

Pervon sah sie mit traurigem Blick an. „Magie war mein Leben. Nachdem sie mich verraten hatte, habe ich mich eine Weile nicht besonders gut benommen. Ich fürchte, es gab nicht mehr viele in Vistoria, die meine Gegenwart geschätzt hätten. Außerdem habe ich schon während meines Studiums geplant, mich in Benevia niederzulassen. Ich habe lange nach einem Landsitz gesucht, der meinem Geschmack entsprach, also werde ich meinen Ruhestand verdammt noch mal auch hier verbringen. Die Umstände mögen etwas widrig sein, doch ich bin störrisch.“ Sein Lachen war ohne Freude.

„Im Übrigen könnte ich mir vorstellen, dass Vistoria inzwischen von den Westländern überrannt wurde“, fuhr er fort. „Sie haben den Imperialen Frieden gebrochen und beten verstärkt zu ihren neuen Göttern der Weltenschmiede. Selbst aus den Reihen der Imperialen Armee haben sich ihnen Krieger angeschlossen. Sie respektieren kein Gesetz und nehmen sich, was sie können.“

Muss denn jedes Gespräch bei schmerzvollen Erinnerungen enden? dachte Riana und schlug den Blick nieder. „Vor denen seid Ihr auch in Benevia nicht sicher“, sagte sie.

Am nächsten Abend brachen sie auf. Zu dem Landsitz gehörte ein Stall mir drei Pferden. Zwei davon sattelte Sebion für sie auf. Linas Mann war eben so groß und schweigsam wie sie und arbeitete als Stallknecht und Gärtner für Pervon. In Abwesenheit des Thaumaturgen kam den beiden die Aufgabe zu, Land und Haus zu bewachen.

Riana trug für die Reise grobe Arbeitskleidung, die Lina ihr gegeben hatte. Auch Pervon tauschte das standesgemäße Gewand eines Thaumaturgen gegen robustere und unauffälligere Kleidung. Er trug einen langen Dolch an der Seite, und an seinem Sattel waren eine leichte Schnellspanner-Armbrust und ein Bolzenköcher befestigt. Die Pferde trugen außerdem Wasserschläuche, etwas Proviant, ein Zelt für Notfälle und mehrere Kisten Wein, mit denen Pervon in Nemeti Tauschhandel treiben wollte. Geld wurde als Währung nur noch selten akzeptiert.

Pervon kannte den Weg gut, und sie kamen schnell und unbehelligt voran. In einer Nacht war die Strecke nicht zu schaffen, und so verbrachten sie den Tag in einer Herberge an der Reichsstraße. Riana erinnerte sich an diese Herberge, doch seit sie sie zum letzten Mal gesehen hatte, war sie durch Anbauten auf die doppelte Größe herangewachsen. Das abgeblätterte Schild mit der Aufschrift „Zum Birnenhain“ war kaum noch lesbar, und der namensgebende Hain zeigte trotz der Sonnensegel wenig von seiner früheren Pracht.

Mehrere grobschlächtige Männer in Lederpanzern mit Schwertern und Armbrüsten bewachten den Eingang und forderten von ihnen, die Waffen abzulegen. Riana war froh, dass sie auf Pervons Rat ihren Blitzwerfer tief in ihrem Rucksack versteckt hatte. Doch auch beim Anblick ihres Schwertes, das unverkennbar das Wappen der Garde trug, zog der Wachmann eine Augenbraue hoch. Der Schankraum war gerammelt voll, und neben Bauern und Krämern fand sich hier auch eine ganze Menge zwielichtiges Gesindel. Dieser Eindruck verstärkte sich, als sie am nächsten Tag die Reise auf der Reichsstraße fortsetzten und sich der Verkehr verdichtete, je näher sie der Stadt kamen.

An der Scurion-Brücke mussten sie Wegzoll bezahlen, einen Becher verwässerten Wein, doch die Zöllner sahen eher wie eine Bande Halsabschneider aus als wie Männer des Imperiums. Riana spürte einen dicken Kloß in ihrem Hals, als sie die Stadtmauern passierten und die Hauptstraße entlang ritten. Viele Fackeln und Laternen brannten, und es herrschte geschäftiges Treiben, doch dieses Treiben hatte etwas Verstohlenes an sich. Fast jeder trug offen eine Waffe, und die Uniform der Garde suchte man vergebens.

Riana konnte nicht anders, als der Akademie einen Besuch abzustatten. Es war ein schöner Ort gewesen, ein grüner Garten mit alten Bäumen, Kanälen und den weißen Marmorfassaden der Wohn- und Lehrhäuser. Doch nun waren die Gärten verbrannt und leer, die Fenster vernagelt, und von den Kanälen stieg ein fauliger Gestank empor. Als sie sich näherte, wurde sie von Hundegebell aufgeschreckt. Ein kleiner, dicker Mann, der zwei große Bullterrier führte, tauchte hinter einem der Häuser auf. Die Hunde fletschten die Zähne und zerrten an der Leine, sodass er sie kaum halten konnte. „Verschwinde“, keifte er.

„Ich bin ein Mitglied der Imperialen Garde“, herrschte Riana ihn an und zog ihr Schwert. „Wer bist du und was hast du hier zu suchen?“

Der Mann brach in schrilles Gelächter aus. „Die Garde wohnt hier nicht mehr, Mädchen“, kicherte er. „Steck das Schwert weg, du wirst dir noch wehtun.“ Riana kämpfte ihre aufsteigenden Tränen nieder, machte auf dem Absatz kehrt und versuchte, sich ein bisschen Würde zu bewahren, als sie von dannen schritt.

Wenig später stand sie vor dem schweren, eisenbeschlagenen Tor des Gouverneurspalastes. Das Anwesen lag auf einem Hügel, der von einer hohen Mauer umgeben war. Die Gärten an den Hängen waren mit Sonnensegeln überspannt, der Palast hell erleuchtet. Die Torwache, eine Frau Anfang vierzig, sprach durch ein kleines Fenster mit Riana.

„Du bist ganz schön mutig“, sagte sie anerkennend, nachdem Riana mit wenigen Worten ihre Geschichte erzählt hatte. „Es gibt hier bestimmt einen Platz für dich. Der Gouverneur hat viele aus der Garde aufgenommen.“

„Dich also auch“, entgegnete Riana kalt.

Das Gesicht der Frau verfinsterte sich. „Ja, ich war auch ein Mitglied der Garde. Was hätte ich tun sollen? Nur mit meinem Schwert gegen eine Überzahl Halunken kämpfen? Mein eigener Blitzwerfer ist in meiner Hand explodiert! Wäre die Sonne an jenem Tag etwas zorniger gewesen, wäre ich jetzt tot.“ Sie zog einen Handschuh von ihrer rechten Hand und zeigte Riana die schweren Brandnarben. „Also verurteile mich nicht. Ich habe meinen Eid nicht leichten Herzens gebrochen, aber mir liegt zu viel an meinem Leben, um es sinnlos aufs Spiel zu setzten.“

„Sinnlos?“ Riana war erschüttert. „Wie kannst du das sagen, sinnlos?“

Mit einem Kopfschütteln zog die Frau ihren Handschuh wieder über. „Wir können dir nicht helfen, so leid es mir tut. Wir sind gerade mal in der Lage, für uns selbst zu sorgen. Wenn du es dir noch anders überlegst, leite ich deine Bewerbung gerne an den Gouverneur weiter.“

„Nein“, erwiderte Riana voller Bitterkeit. „Ich könnte so nicht leben.“

Sie traf Pervon auf dem Markplatz wieder, wo sie sich verabredet hatten. Er führte seine beiden Pferde am Zügel und machte einen zufriedenen Eindruck. „Die Nachfrage nach den angenehmen Dingen des Lebens ist größer denn je, jetzt, da sie so selten geworden sind“, erklärte er. „Und, wie ist es Euch ergangen?“

„Ihr hattet Recht.“ Riana versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Hier finde ich keine Hilfe. Ich werde mir eine Überfahrt nach Savoria suchen müssen.“

Seine Stimme klang seltsam belegt, als er antwortete: „Nun, dann wünsche ich Euch viel Glück. Ihr werdet immer ein willkommener Gast in meinem Hause sein.“

„Habt dank für alles, Pervon.“ Riana umarmte ihn kurz und wandte sich dann betreten ab. „Lebt wohl.“

© Frank Tarcikowski

29.4.07 16:38
 


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