Aller Tage Abend
 



Aller Tage Abend
  Startseite
  Über...
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   BARBAREN!
   Wilde Lande Blog

Webnews



http://myblog.de/allertageabend

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Die liebliche Provinz (6)

„Ein Sturm zieht auf“, prophezeite Rianon. „Ich hoffe, ihr werdet nicht leicht seekrank.“ Der alte Kapitän hielt das Ruder sicher in seinen schwieligen Händen und spähte durch eines der geschwärzten Bullaugen. Die Segel an den drei Masten der Südwind blähten sich in einer steifen Brise, und der bauchige Rumpf des Handelsschiffes neigte sich zur Seite.

Ein paar Männer kamen an Deck, um die Segel einzuholen und am vorderen Mast eine kleine Sturmfock zu setzen. In ihrer Schutzkleidung bewegten sie sich ungelenk in der Takelage, was bei der unruhigen See nicht ungefährlich war, aber das war immer noch besser als sich die eigene Haut vom Körper zu schälen. Zwar war die Sonne hinter einer dünnen Wolkenschicht verborgen, doch ihre Kraft war immer noch erbarmungslos. Schiff und Segel wurden regelmäßig mit Meerwasser bespritzt, um sie abzukühlen und die Entzündungsgefahr im Griff zu halten.

„Ich komme aus einer Fischerfamilie“, antwortete Riana verspätet. „Mein Vater hat mir die richtigen Beine vererbt.“

Rianon nickte. „Das ist gut. Es wird ein schwerer Sturm. Wir fahren nach Kompass, Karte und Gefühl und versuchen, uns möglichst in tiefem Wasser zu halten. Bisher haben wir es immer noch irgendwie geschafft.“ Fast zärtlich streichelte er das Steuerrad.

Riana war froh, den alten Mann in Nemeti getroffen zu haben. Er war ein Kapitän der Imperialen Handelsflotte und schien ein aufrichtiger Mensch zu sein. Zu Rianas Glück hatte er ihr erspartes Gold als Bezahlung für die Überfahrt nach Savoria akzeptiert. „Ja, in der Hauptstadt sorgt die Garde noch für Ruhe und Ordnung“, hatte er auf ihre Frage geantwortet. „Dort wird das Gesetz strikter befolgt als je zuvor.“ Und so gestattete sie sich einen Funken Hoffnung.

Wenig später lag sie elend in ihrer Koje in der kleinen Gästekajüte und erbrach bittere Galle auf die geteerten Holzplanken. Die Südwind rollte und stampfte durch die haushohen Brecher und legte sich immer wieder bedenklich auf die Seite. Das Brüllen des Sturms und das protestierende Ächzen der Spanten waren ohrenbetäubend. Riana hatte das Gefühl, dass die Wände näher kamen. Sie schloss die Augen, und alles drehte sich um sie. Ohne das Leesegel wäre sie einfach aus der Koje gerollt.

Für eine schier endlos scheinende Zeit dämmerte sie so vor sich hin. Manchmal fiel sie in einen unruhigen, traumgeplagten Schlaf. Sie träumte von riesigen Maschinen und dem Gestank von Öl und Ruß. Von der entstellten Fratze des Westländers, der sie als erster vergewaltigt hatte, und dutzenden von Händen, die brutal nach ihr griffen. Von einem kleinen Fischerboot, das vom Sturm an den Felsen zerschmettert wurde. Von Saia, ihrer kleinen Tochter, die weinend durch die verbrannten Gärten der Akademie in Nemeti irrte, eine Puppe im Arm, und die heranhetzenden Bullterrier nicht sah, doch so sehr Riana auch versuchte zu schreien, kein Laut kam über ihre Lippen. Und immer wieder sah sie im Traum Pervon, der sie traurig beobachtete, und irgendwie hatte sie das beruhigende Gefühl, dass er über sie wachte.

Irgendwann ließ der Sturm nach, und Riana konnte wieder aufstehen. Beschämt erbat sie sich einen Eimer Wasser, mit dem sie sich selbst und ihre Kajüte reinigte, so gut sie konnte. Der Matrose, der ihr den Eimer brachte, berichtete, dass Savoria nicht mehr weit war. Daraufhin legte sie ihre goldene Gardeuniform an, schnallte Schwert und Blitzwerfer um und begab sich an Deck.

Der Wind war abgeflaut, doch die Dünung stand noch recht stark und ließ das Deck wanken. Die Wolken hatten sich zu einer mondhellen Nacht verzogen. Zur Linken ragte eine dunkle Küste auf, zur Rechten erstreckte sich das weite Meer. Voraus konnte Riana bereits die Lichter von Savoria ausmachen. Ihr Herz schlug höher. Sie hatte schon viele Bilder der legendären Imperialen Hauptstadt gesehen, doch sie war noch nie dort gewesen.

Savoria war gigantisch. Die Stadt erstreckte sich an den Hängen des heiligen Berges und weit entlang der Küsten und ins Hinterland. Drei Häfen, fünf Ringe von Stadtmauern und schier unendlich viele Kuppeln, Türme, Straßen, Kanäle, Brücken und Tore. Prächtige Bauten, die die Architektur aller Regionen des weiten Imperiums widerspiegelten und bei Nacht von Gasscheinwerfern angestrahlt wurden. Und auf einer Insel vor der Stadt erhob sich der legendäre Leuchtturm, vor dessen drei symmetrischen Außenmauern sich drei riesige, komplett vergoldete Statuen des Sonnengottes Savor erhoben: Als wehrhafter Krieger mit dem Schwert, als weiser Richter mit dem Hammer und als sinnlicher Verführer mit dem Weinkelch.

Riana sah ein ganzes Geschwader majestätischer Kristallkreuzer im Hafen liegen, doch keines der Thaumaturgenschiffe rührte sich. Stattdessen kam ihnen eine leichte geruderte Galeere mit einem einzelnen Mast und einem langen Rammsporn entgegen. Die Südwind drehte bei, die Galeere kam längsseits, und mehrere Männer und Frauen in goldener Uniform kamen an Deck. Bei ihrem Anblick schlug Rianas Herz höher. Sie straffte ihre Schultern und trat dem ranghöchsten Offizier gegenüber.

„Herr Hauptmann, Gardistin Riana von der Imperialen Garde zu Benivia“, rief sie, so schneidig sie konnte.

Der Hauptmann, ein Mann Ende dreißig mit einem kantigen Gesicht und kurzen blonden Haaren, musterte sie einmal von Kopf bis Fuß. „Willkommen in Savoria“, sagte er dann, seine Worte mit Bedacht wählend. „Vielleicht seid Ihr, die Ihr zu sein vorgebt, vielleicht auch nicht. Leider kann man da heutzutage nicht mehr so sicher sein. Doch die Administration wird dies schnell feststellen. Wenn Ihr also wirklich eine Gardistin seid, habt Ihr nichts zu befürchten. In der Zwischenzeit bitte ich Euch, mir Eure Waffen auszuhändigen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme zu unserer und Eurer eigenen Sicherheit.“ Der Hauch eines entschuldigenden Lächelns trat auf sein Gesicht.

Dies war nicht die Begrüßung, die Riana sich erhofft hatte, aber was der Hauptmann sagte, ergab Sinn. Riana nickte knapp. „Ja, Herr“, sagte sie, und löste langsam den Gurt um ihre Hüften. Eine junge Gardistin, keine zwanzig, eilte herbei, um ihr die Waffen abzunehmen.

Nachdem die Garde die Inspektion der Südwind abgeschlossen hatte, nahmen sie Riana mit auf ihre Galeere. „Lebt wohl“, rief sie Rianon noch zu. „Und danke!“ Der alte Mann winkte ihr nach, doch irgendwie schlich sich Pervons betrübtes Gesicht anstelle des seinen in Rianas Kopf.

© Frank Tarcikowski

29.4.07 19:42
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung