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Die liebliche Provinz (7)

Die Administration der Garde lag im innersten Ring der Stadtmauern, unweit des Gipfels des heiligen Berges. Den Geschichtsbüchern zufolge war der Berg früher ein Vulkan gewesen, der oft und mit furchtbarer Gewalt ausbrach. Savor hatte seinen Anhängern befohlen, sich am Fuße des Berges niederzulassen. Die Schwachen und Ungläubigen hatten es nicht gewagt, doch die wahren Gläubigen hatten ihrem Gott vertraut. Und Savor in seiner Güte hatte dem Vulkan befohlen zu erkalten, und so war es geschehen. Die Feiglinge aber, die davongelaufen waren, waren zurück gekrochen gekommen und hatten zur Strafe für ihren Unglauben niedere Dienste erledigen müssen für jene, die stark im Glauben gewesen waren. So manche Adelsfamilie bildete sich bis heute viel darauf ein, ihre Wurzeln bis zu diesem Ereignis zurückverfolgen zu können. 

Heute beherbergte der breite Krater des Vulkans den Palast des Imperators, den Palastgarten, die Regierungsgebäude und das oberste Gericht. Die Administration der Garde befand sich am Kraterrand. Ein an einem Stahlseil gezogener Wagen, der auf Schienen fuhr, brachte Riana und ihre Eskorte dort hinauf. Es begleitete sie dieselbe junge Gardistin, die ihr die Waffen abgenommen hatte. Sie war ein hübsches Ding, mit dunkelblonden Locken und Sommersprossen, und fast noch ein Kind. Aufgeregt befragte sie Riana über die Lage in Benevia und war ehrlich bestürzt über das, was sie hörte. Riana hingegen konzentrierte sich nur halb auf das Gespräch, denn sie sah aus dem Fenster.

Auch in Savoria waren natürlich die Spuren des Sonnenfeuers unverkennbar, verdörrte Pflanzen, aufgeplatzter Putz und hin und wieder Zeichen eines Brandes. Doch die Straßen waren sauber, die Passanten sahen wie wohlhabende Bürger aus und gingen unbewaffnet und ohne ständig über die Schulter zu blicken. Überall sah Riana das Gold der Imperialen Garde, und das Sonnenbanner flatterte über fast jedem Haus. 

Schließlich erreichten sie die Administration, einen Prachtbau aus Stuck und Marmor, gegen den die Akademie in Nemeti sich wie eine ärmliche Hütte ausmachte. Statuen verdienter hoher Administratoren, so groß wie drei Männer, blickten Ehrfurcht gebietend auf Riana und ihre Begleiterin herab. 

Das Mädchen führte Riana jedoch in einen weniger prächtigen Trakt, und sie sah mehrere Gardisten, die Männer in Ketten eben dorthin zerrten. Laute Protestrufe und Beschimpfungen hallten in dem hohen Gang wider. „Wir haben leider keine angemessene Unterkunft für solche Fälle“, entschuldigte sich die junge Gardistin. „Ich muss Euch daher kurz in einer Arrestzelle unterbringen, während ich die Administration informiere. Es wird gewiss nicht lange dauern.“

Riana runzelte die Stirn, nickte aber. Es war gut zu sehen, dass die Garde auf der Hut war. Das Mädchen führte sie in einen gut bewachten Zellentrakt im Keller des Gebäudes. Zahlreiche Gittertüren säumten einen langen Korridor, und es war ziemlich laut. Die meisten der Zellen schienen überbelegt zu sein, Riana erhielt jedoch eine enge, aber saubere Zelle für sich allein.

 

„Ho ho“, rief jemand, „seht nur, schon wieder ein Goldener! Es geht bergab mit der Truppe.“ Grölendes Gelächter schallte über den Gang. Riana ignorierte es und ließ sich auf ihrer Pritsche nieder, die Augen an die gegenüberliegende Wand gerichtet.

 

„Nun, was habt Ihr angestellt?“ fragte eine weibliche Stimme. „Den Kopf zum Denken gebraucht?“

 

Die Stimme klang sanft und kultiviert, und Riana hob überrascht den Kopf. Von der Gittertür der Zelle gegenüber sah sie eine Frau Ende zwanzig an, ungefähr im selben Alter wie Riana. Die Sprecherin hatte ein schmales, kluges Gesicht und kurze rote Haare. Sie machte einen gepflegten Eindruck. Hinter ihr auf der Pritsche lag eine weitere Frau, von der Riana nichts erkennen konnte außer dass ihr Haar verfilzt und ihre Kleidung zerlumpt war. Eine dritte, grauhaarige Frau in einem schwarzen Trauergewand kauerte in einer Ecke der Zelle am Boden.

Die Sprecherin lächelte freundlich. „So überrascht, eine Frau von Stand hier unten zu sehen? Ihr könnt noch nicht lange bei der Truppe sein.“

 

Riana hätte nicht mit den Gefangenen sprechen sollen, doch ihre Neugier siegte. „Ich bin nicht von hier“, antwortete sie. „Ich komme aus Benevia.“

 

„Oh wie schön, aus der lieblichen Provinz.“ Die Frau lächelte sardonisch. „Nun denn, Gardistin aus Benevia, willkommen in der glorreichen Reichshauptstadt. Mein Name ist Kigara, von den Sevriern. Man hat mich gestern kurz vor Morgengrauen aufgelesen, als ich mal wieder die Ausgangssperre missachtet habe. Ich bin gespannt, wie lange man mich dieses Mal festhalten wird. Letztes Mal waren es drei Wochen.“

 

„Dann müsst Ihr schon wiederholt die Ausgangssperre verletzt haben, wenn man Euch zu einer Haftstrafe verurteilt hat“, entgegnete Riana.

 

„Verurteilt?“ Kigara kicherte, ein erstaunlich unschuldig klingender Laut. „Wo denkt Ihr hin? Wegen so einer Sache gibt es doch heutzutage keinen Prozess mehr. Sie lassen einen einfach ein bisschen schmoren, bis sie denken, dass man seine Lektion gelernt hat. Natürlich gibt es auch andere, die mit den Goldenen besser stehen und derlei Schikane nicht zu befürchten haben. Aber Dissidenten wie ich…“

 

Riana musterte die Frau erneut. Sollte sie ihr glauben? Es war nur natürlich, dass eine Gefangene auf diejenigen schimpfen würde, die sie festgenommen hatten. Kigara deutete ihren Blick richtig. „Ihr glaubt mir nicht, oder? Dann seht Euch doch hier unten einmal um. Hier findet Ihr nicht nur Gesindel. Dichter, Sänger, Philosophen, politische Sprecher, Kritiker jeder Art. Alle, die sich nicht unter die neue harte Hand des Gesetzes fügen wollen, die in Wirklichkeit die Hand der Willkür ist! Wie Suimera hier.“ Sie deutete auf die alte Frau in schwarz, die nicht aufblickte. „Sie trauert um ihren Sohn, den die Goldenen bei einem Aufruhr letzte Woche erschlagen haben. Sie wurde aufgefordert, das Trauern zu unterlassen, weil ihr Sohn ein Feind des Staates gewesen sei. Als sie sich geweigert hat, brachte man sie hierher. Sie soll kein Beispiel des passiven Widerstandes werden.“

 

Immer noch wusste Riana nichts zu sagen. Was hatte all das zu bedeuten? Sicher war ein hartes Durchgreifen erforderlich, um in diesen unruhigen Zeiten die Ordnung aufrecht zu erhalten. Aber eine Frau einsperren, weil sie um ihren Sohn trauerte? Sie wandte sich ab und streckte sich auf ihrer Pritsche aus. Schlagartig wurde ihr bewusst, wie erschöpft sie noch immer von der Seekrankheit war. Binnen Sekunden war sie eingeschlafen.

 

Die Wächter brachten zweimal Essen, ehe man sie holte, hartes Brot und Wasser, das Riana hungrig verschlang. Zwischendurch hatte sie die meiste Zeit geschlafen. Einmal war sie hochgeschreckt, als es tief unter der Erde grollte und der Boden erbebte. Das kam in letzter Zeit häufiger vor, erklärte ihr Kigara. Manche glaubten, der heilige Berg würde bald wieder Feuer speien. Kigara unternahm noch ein paar Versuche einer Unterhaltung, gab es aber schließlich auf, als Riana sie ignorierte. 

 

Dann endlich kamen zwei Gardisten und führten Riana in ein karges Verhörzimmer. Einer der Männer setzte sich ihr gegenüber an den Tisch, der andere blieb hinter ihr stehen. Ohne Vorrede begannen sie, ihr Fragen zu stellen. Wo sie genau herkam, wann sie auf der Akademie gewesen war, welche Lehrer und Fächer sie dort gehabt hatte. Nach Vorschriften aus dem Kodex der Imperialen Garde wurde sie gefragt und nach anderen Dingen, die sie gelernt hatte, aber auch nach persönlichen Dingen, nach ihren Lebensumständen, der Lage in Benevia und dem Grund ihres Besuchs in der Hauptstadt. Die Männer wandten Verhörtechniken an, wie man sie den Gardisten an der Akademie beibrachte, erkannte Riana und zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie wurde verhört wie eine gemeine Kriminelle!

 

Nach einem zermürbenden zweistündigen Gespräch wurde sie wieder in ihre Zelle geführt. Immerhin hatte einer der Gardisten genug Anstand, sie zu bitten, sich noch etwas zu gedulden, bis man sie holen würde. Kigara beobachtete sie mit einem spöttischen Lächeln. „Ihr seht überrascht aus, euch wieder hier zu finden“, bemerkte sie spitz.

 

Die Wächter brachten ein weiteres Mal Essen, ehe Riana erneut geholt wurde, dieses Mal von einem einzelnen Gardisten, der sie deutlich höflicher behandelte. „Entschuldigt die Unannehmlichkeiten“, sagte er. „Ihr glaubt gar nicht, wie oft kriminelle Subjekte mit gestohlenen Insignien versuchen, sich hier einzuschleichen. Meistens nennen sie entlegenere Provinzen als Ihr, doch man weiß ja nie.“

Einer der Wächter am Eingang des Zellentrakts händigte Riana ihre Waffen wieder aus. Dann brachte man sie in einen anderen Flügel des Gebäudes, in dem der Fußboden mit prächtigen Mosaiken gepflastert war und antike Waffen und Rüstungen die Wände zierten.

 

Geduldig wartete sie, Stunden, wie es ihr vorkam, auf einer steinernen Bank, bis sie in ein geräumiges Büro gerufen wurde. Hinter einem Schreibtisch saß eine ältere Dame in den Gewändern einer Beamtin, die von einer goldenen Brosche zusammengehalten wurden.

 

„Ich grüße Euch, Gardistin Riana“, sagte die Beamtin steif. „Inzwischen wurde Eure Identität bestätigt. Bitte, nehmt Platz.“

 

„Ich danke Euch, Herrin Direktor“, antwortete Riana, den Titel der Beamtin von dem Schild auf ihrem Schreibtisch ablesend. Vorsichtig ließ sie sich auf einem weich gepolsterten Stuhl nieder. „Ich komme zu Euch, um Eure Hilfe zu erbitten. Das Dorf, das zu beschützen meine Pflicht ist, wird von einer Bande Räuber bedroht, ehemaligen Söldnern, die das Gesetz nicht mehr fürchten und ganz ungeniert ihr Unwesen treiben. Ohne meine thaumaturgische Ausrüstung kann ich nicht…“

 

„Ich weiß, Gardistin“, schnitt die Herrin Direktor ihr das Wort ab. „Mir wurde davon berichtet. Bedauerlicherweise kein Einzelfall. Ich fürchte, die Garde ist nicht in der Lage, Gardisten in der erforderlichen Mannstärke aufzustellen, um jedem solchen Fall nachzugehen. Den Imperialen Frieden wiederherzustellen ist eine Aufgabe, die der Armee zufällt.“

 

„Gut“, rief Riana erleichtert, „gut! Schickt die Armee, ja, die Armee, das wäre wunderbar! Eine Kompanie schwere Infanterie sollte völlig ausreichen. Hat die Armee inzwischen auch Kanonen? Sie sind zwar keine Blitzwerfer, aber immer noch besser, als mit ein paar Hellebarden gegen die Kraftwagen anzutreten.“

 

Das Gesicht der Beamtin wurde weicher. „Ich fürchte, Ihr habt mich missverstanden“, erklärte sie. „Der Imperator schickt die Armee nicht aus, um auf einzelne Hilferufe zu reagieren. In vielen Provinzen ist die öffentliche Ordnung zusammengebrochen. Der Imperator wird strategisch vorgehen, um den Imperialen Frieden nach und nach in allen Provinzen wiederherzustellen. Benevia ist noch nicht an der Reihe.“

 

Riana saß wie versteinert. Es dauerte einige Sekunden, ehe sie ihre Sprache wiederfand. „Soll das heißen… heißt das, Ihr könnt mir nicht helfen?“ Ungläubig starrte sie ihr Gegenüber an. „Ich bin den ganzen Weg hierher gekommen, und Ihr… schickt mich weg?“

 

„Es tut mir leid“, beteuerte die Beamtin und schien es tatsächlich so zu meinen. „Es gibt nichts, was ich für Euch tun kann.“

 

„Es muss etwas geben“, widersprach Riana. „Irgend etwas. Gebt mir wenigstens etwas Geld. Und Waffen! Gebt mir Waffen!“

 

„Kanonen kann ich euch keine geben“, erwiderte die Herrin Direktor. „Die Armee hat selbst erst begonnen, welche zu bauen, und braucht sie für eigene Zwecke. Die Garde hat keine Kanonen, und Armbrüste auch nicht im Überfluss. Aber ich werde sehen, was ich tun kann. Das verspreche ich.“

 

© Frank Tarcikowski
30.4.07 12:22
 


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