Aller Tage Abend
 



Aller Tage Abend
  Startseite
  Über...
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   BARBAREN!
   Wilde Lande Blog

Webnews



http://myblog.de/allertageabend

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Die liebliche Provinz (8)

Ein Fass voller Waffen und ein Beutel mit Silbermünzen, dachte Riana, als sie die Lichter von Savoria am Horizont verschwinden sah. Das ist alles, was die Garde für mich übrig hat. Immerhin, die Herrin Direktor hatte Wort gehalten. Pfeilspitzen und Speerspitzen hatte sie vor allem bekommen, und Bogensehnen. Dolche, Kurzschwerter und sogar zwei Schwarzpulverpistolen mit Pulverhörner und ein paar Kugeln aus der Asservatenkammer der Garde.

Und von dem Silber der Garde hatte Riana sich eine Überfahrt kaufen können. Auch wenn ihr schon bei dem Gedanken, wieder eine Schiffsplanke zu betreten, flau im Magen wurde, und auch wenn die Seeleopardin und ihr Kapitän weniger vertrauenerweckend wirkten als die Südwind. Doch es fuhren nicht sehr viele Schiffe nach Nemeti. Sie konnte es sich nicht erlauben, wählerisch zu sein.

Die Seeleopardin war ein Freisegler, ein Schiff ohne Reederei. Es war eine schlanke Zweimastbark mit einem kunstvoll geschnitzten Seeleoparden als Galeonsfigur, doch die Segel waren vielfach geflickt und das Deck nicht gerade aufgeräumt. Die Mannschaft bestand größtenteils aus Nordländern, kleinen, gedrungenen Kerlen mit Hakennasen und schmalen Lippen. Ihre Haare waren so blond, dass sie weiß aussahen, und sie trugen sie lang und geflochten wie auch ihre Kinnbärte, die meist dunkler ausfielen, was einen seltsamen Kontrast gab. Die meisten trugen Westen aus Seehundfell auf nackter Haut und Ketten aus ungeschliffenem Bernstein. Riana würde auf dem Schiff stets einen Dolch mit sich führen, auch wenn sie zu Bett ging.

Torgur, der Kapitän, gesellte sich zu Riana. Er war auch ein Nordländer, und trug zum Zeichen seines höheren Standes Schmuck aus Gold und einen protzigen Siegelring sowie eine Schwarzpulverpistole am Gürtel. Sein langes Haar wurde an den Schläfen langsam dünn.

„Den Leuchtturm werden wir noch lange sehen“, erklärte er in seinem nordischen Singsang und deutete auf den stetig aufblitzenden Lichtpunkt, der alles war, was man noch von der Imperialen Hauptstadt sehen konnte. „Ein beeindruckendes Bauwerk, dieser Leuchtturm. Beeindruckende Stadt. Aber ich würde nicht so nah an einem Vulkan bauen. Meine Heimat war auch zu nah an einem Vulkan gebaut. Jetzt hab ich keine mehr.“ Er lachte rau. Riana musterte ihn und fragte sich, ob das nur Seemannsgarn war oder ob dieses Lachen seine Art darstellte, den Schmerz zu überspielen. Wir alle tragen dieser Tage Schmerz in uns, dachte sie.

„Es wird eine ruhige Überfahrt“, prophezeite Torgur. „Dank Eurer Heuer konnte ich den Göttern reichlich opfern. Sie werden uns mit ihrem Zorn verschonen.“

Und tatsächlich schien das Wetter ihnen gewogen, der Himmel war klar, die See ruhig, und ein stetiger Westwind trieb sie voran. Riana blieb die ganze Nacht an Deck und genoss die Kühle, die vom Wasser emporstieg, und das gelegentliche Spritzwasser. Unter Deck wich die drückende Hitze auch nachts nicht.

Im Heck des Schiffs saßen die Nordländer am Ruderstand beisammen und sangen Lieder ihrer Heimat. Einer schlug mit zwei Kochlöffeln den Takt, ein anderer spielte auf eine Flöte. Die Männer sangen mehrstimmig und erstaunlich gut, und die Worte ihrer melodischen Sprache schraubten sich wehklagend zum Nachthimmel empor. Riana saß im Bug, lauschte ihnen und weinte leise.

Der Westwind blieb ihnen auch die nächsten Tage treu, und in der vierten Nacht winkte Torgur sie heran und zeigt auf den Horizont. Vor dem von Sternen hell erleuchteten Himmel zeigte sich dort ein dunkler Streifen ab. „Benevia“, lachte der Kapitän. „Die liebliche Provinz. Das Opfer hat sich bezahlt gemacht. Die See war freundlich.“

„Ist das die Nordküste?“ erkundigte sich Riana.

„Ja, die Nordküste.“ Torgur bleckte die Zähne. „Wir müssen noch um die halbe Insel herumfahren, ehe wir die Leuchtfeuer von Nemeti sehen. Falls sie überhaupt brennen.“

„Das war im Opfer nicht mit inbegriffen, was?“ Riana musste wider Willen grinsen, als sie Torgur um eine Antwort verlegen sah. Dann fiel ihr etwas auf. „Warum fahren wir ohne Positionslichter?“ fragte sie, und ahnte im selben Moment die Antwort.

„Piraten“, antwortete der Kapitän düster und senkte dabei die Stimme, als fürchte er, einen bösen Geist heraufzubeschwören. „Es gibt von Jahr zu Jahr mehr in dieser Gegend, und gefährlichere.“

Immer größer wuchs die dunkle Küste heran, und Riana spürte ein flaues Gefühl im Magen. Mit nervösen Augen suchte sie die Küste ab, doch sie vermochte die Schatten nicht zu durchdringen. Die Seeleopardin segelte in einigem Abstand längs der Küste und umrundete eine Landzunge, die mit steilen Klippen weit ins Meer hinaus ragte.

„Wenn wir weiter so gut Fahrt machen, erreichen wir Nemeti vor Sonnenaufgang“, frohlockte Torgur. Dann erstarrte er, und lauschte. Riana schloss die Augen. Sie hörte es auch, noch fern, aber immer näher kommend: Das Donnern und Stampfen einer Maschine.

Torgur wirbelte herum und bellte Befehle in seiner Muttersprache. Nordländer eilten an die Schoten, und die Seeleopardin änderte ihren Kurs hinaus aufs offene Meer. Riana blickte zurück und sah ihren Verfolger, der sich aus dem Schatten der Steilküste löste. Das Schiff hatte den langen, geraden Rumpf einer Galeere, mit Rammsporn, kurzem Mast hohem Freibord, doch anstelle der Ruder verfügte es mittschiffs über zwei Schaufelräder, die lautstark auf das Wasser eindroschen und das Schiff so zu beunruhigender Geschwindigkeit antrieben. Aus dem Vorschiff stach ein langes Blechrohr in die Höhe, das dicken schwarzen Rauch ausspuckte. Links und rechts davon ragten zwei Kanonenrohre aus der Bordwand wie Ableger eines bösartigen metallenen Baums.

Das Motorschiff holte auf, soviel war sicher. Riana warf Torgur einen Blick zu, doch sein Blick war voller Entgeisterung. Erst, als die Piraten eine ihrer Kanonen abfeuerten und die Kugel zehn Meter vor dem Bug der Seeleopardin ins Wasser klatschte, erwachte der Kapitän wieder zum Leben und eilte zum Ruderstand.

„Kapitän“, schrie Riana, „was wollt Ihr unternehmen?“

„Was soll ich schon machen?“ brüllte Torgur zurück. „Raus aufs offene Meer und hoffen, sie abzuhängen und den Kanonen auszuweichen! Oder soll ich vielleicht mit meiner Pistole zurückschießen? Wir sind ein Handelsschiff, wir haben keine Kanonen!“

„Ich verstehe“, sagte Riana, mehr zu sich selbst als zu ihm. Sie spürte wieder diese Ruhe, wie schon bei den Kultisten der Erdgötter. Ihre Finger schlossen sich um den Blitzwerfer, den sie unter ihrer Kleidung verborgen hatte, zogen die Waffe hervor und aktivierten sie. Der Kristall erstrahlte in unheilvollem weißem Licht, doch es war nicht so grell und nicht so unstet wie in jener verhängnisvollen Nacht, die Riana so lange her vorkam, obwohl es nicht mal ein Monat war.

Torgur sah, was sie vorhatte, und nickte grimmig. Seine Lippen bewegten sich in einem Gebet. Wahrscheinlich versprach er seinen Göttern weitere Opfer, wenn sie ihn und sein Schiff erretteten. Riana betete nicht. Sie suchte sich einen sicheren Stand und zielte. Konzentrierte sich auf das Auf und Ab der Wellen. Richtete die Waffe mit beiden Händen aus. Und drückte den Auslöser.

Ein ohrenbetäubendes Krachen schallte über das Meer. Gleißendes Licht flammte auf und ließ bunte Sterne vor Rianas Augen tanzen. Ein gezackter weißer Blitz fraß sich durch die Luft und schlug in die Bordwand des Piratenschiffs ein. Ein Schaufelrad explodierte in einem Schauer von verkohlten Holzstücken, und Flammen schlugen in die Höhe. Der Rückstoß des Blitzwerfers riss Riana die Arme in die Höhe, und kleine weiße Energieentladungen krochen züngelnd über ihren Körper. Sie spürte das Kribbeln und wie sich ihre Haare aufrichteten, doch ansonsten schien ihr nichts passiert zu sein.

Sie blinzelte ein paar Mal, bis sich ihre Sicht normalisiert hatte. Wie aus weiter Ferne drang der Jubel der Nordländer an ihr Ohr. Unwirklich langsam neigte sich das Piratenschiff zur Seite. Die Bordwand war bis unter die Wasserlinie aufgerissen. Männer und Frauen versuchten in verzweifelter Eile, Rettungsboote klarzumachen, oder sprangen einfach über Bord.

Als Riana endlich den Blick abwandte, sah sie Torgur neben sich stehen. Dem Kapitän stand die Erleichterung deutlich ins Gesicht geschrieben. „Für einen Moment haben mich die Götter wirklich an der Nase herumgeführt“, lachte er. „Sie wollten mich wohl lehren, nicht an ihnen zu zweifeln.“

© Frank Tarcikowski

1.5.07 14:58
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung