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Die liebliche Provinz (9)

Als Torgur sie auf der Pier in Nemeti verabschiedete, kamen alle Nordländer an die Reling und riefen ihr gute Wünsche zu. Der Kapitän schüttelte ihr die Hand. Riana ließ den Blick über diese seltsamen Fremden schweifen, denen sie anfangs so skeptisch begegnet war. Von ihnen hatte sie mehr Herzlichkeit erfahren als von ihren eigenen Brüdern und Schwestern der Garde. Fast wünschte sie sich, wieder mit ihnen in See zu stechen.

Die Seeleopardin hatte den Hafen kurz vor Sonnenaufgang erreicht. Den Tag hatte Riana noch in ihrer Koje an Bord verbracht. Nun winkte sie der Mannschaft und ihrem Kapitän ein letztes Mal zu und stemmte sich gegen ihr Fass voller Waffen, um es mühsam die Pier hinauf zu rollen.

Von dem Silber der Garde hatte sie in Savoria einen Sack Kaffee erstanden, den sie hier gegen ein Maultier oder einen Esel zu tauschen hoffte. Dennoch würde sie sich etwas einfallen lassen müssen, um zurück in ihr Heimatdorf zu gelangen, denn ein solches Packtier würde kaum den Tag mit ihr in ihrem Zelt verbringen. Über dieses Problem zerbrach sie sich schon die ganze Überfahrt den Kopf, doch sie war noch zu keiner zufrieden stellenden Lösung gekommen.

Es war viel Betrieb auf den Straßen, jeder versuchte, die Stunden des Zwielichts zu nutzen. Obwohl die Sonne bereits hinter dem Horizont versunken war, erleuchtete sie noch den westlichen Himmel, während im Osten bereits die ersten Sterne zu sehen waren. Riana spürte die Blicke der Passanten, als sie sich mühsam die Straße zum Markplatz hinauf arbeitete. Sie hoffte, das Schwert und die Schwarzpulverpistole, die sie offen trug, würden jeden abschrecken, der auf leichte Beute aus war. Den Blitzwerfer hingegen hatte sie wieder unter ihrer Kleidung verborgen.

„Riana?“ Sie blickte auf, als sie ihren Namen vernahm. Vor ihr stand Pervon, der Thaumaturg, und lächelte sie an. „Ihr seid zurück aus Savoria?“

Erneut rangen Freude und Misstrauen in Riana miteinander. Was machte er hier? Es war schon ein seltsamer Zufall, dass sie ihm so kurz nach ihrer Rückkehr wieder über den Weg lief. „Seid gegrüßt“, antwortete sie. „Ja, ich bin zurück. Und Ihr, was führt Euch schon wieder nach Nemeti? Habt Ihr bei Eurem letzten Besuch etwas vergessen?“

Pervons Lächeln erstarb, ihre Reserviertheit schien ihn zu kränken. „Ich habe Geschäfte hier zu erledigen“, entgegnete er. „Es ist nicht so, als ob ich ein Einsiedler wäre. Oder Euch zur Rechenschaft verpflichtet.“

Plötzlich tat Riana ihr Misstrauen leid. Schließlich hatte er ihr das Leben gerettet, ihr sehr geholfen und ihr keinerlei Anlass gegeben, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. „Verzeiht mir, Pervon“, beschwichtigte sie ihn. „Ich… es ist einfach…“

„Schon vergessen“, erwiderte er versöhnlich. „Wahrscheinlich ist es nur vernünftig von Euch, mir nicht zu trauen, schließlich kennt Ihr mich ja kaum. Aber vielleicht wollt Ihr mit mir zu Abend essen und mir von Eurer Reise berichten?“

Riana nickte erleichtert. „Das wäre schön.“ Pervon half ihr mit ihrem Fass und führte sie zu einem kleinen Marktstand, der gerade von zwei Nordländern aufgebaut wurde. Der Mann ähnelte mit seinem langen, geflochtenen Bart den Matrosen auf der Seeleopardin. Die Frau, die hochschwanger war, trug ein leuchtend buntes Kleid und geschnitzten Holzschmuck. Ihr weißblondes Haar reichte ihr bis zum Po. Riana fand sie wunderschön.

Pervon und Riana saßen auf hölzernen Schemeln an einem kleinen Tisch und aßen frisches Brot mit Gänseschmalz. Es war köstlich. Während sie aßen, berichtete Riana von ihrer Reise. Pervon stellte kluge Fragen, und ihr Bericht fiel ausführlicher und ehrlicher aus, als sie es vorgehabt hatte. Es tat gut, über all das zu reden. Als sie von dem Gefängnis erzählte und von ihrer Enttäuschung über die Garde, war sie einen Moment lang den Tränen nah.

Schließlich, sie hatte ihre Mahlzeit längst beendet, berichtete Riana auch von ihrem Plan, sich ein Lasttier zu ertauschen, und ihrer Sorge, wie sie damit den Weg nach Hause schaffen sollte. „Es gibt genug Möglichkeiten, unterwegs sicheren Unterschlupf für den Tag zu finden“, überlegte Pervon. „Entlang der Reichsstraße gibt es Herbergen, und danach Höhlen oder verlassene Häuser. Aber man muss sich auskennen, und man kann nie sicher sein, wem man unterwegs begegnet.“

„Leider kenne ich mich nicht besonders gut aus“, gab Riana zu. „Ich bin ein paar Mal mit einem Gleiter nach Nemeti geflogen, früher, als er noch funktionierte, aber da brauchte ich keine Zwischenstopps. Und seit dem Sonnenfeuer ist dies das erste Mal, dass ich meine Heimat verlasse.“

Pervon schien einen Moment zu grübeln. Schließlich sagte er: „Ich kenne mich ganz gut aus, und habe auch einige Erfahrung darin, durch unbekanntes Gebiet zu reisen. Ich würde Euch begleiten, wenn Ihr es möchtet. Ganz ohne böse Absichten.“ Sein Lächeln wirkte angespannt.

Riana wollte Pervons Angebot nur zu gerne annehmen. In seiner Gegenwart fühlte sie sich sicher, und sie hatte nicht das Gefühl, dass er etwas im Schilde führte. Dennoch wallte eine neue Woge des Misstrauens in ihr auf. Sie hatte einfach zu viele schlimme Geschichten gehört, zu viel Schlimmes erlebt, und es gab keinen logischen Grund, warum er ihr helfen sollte.

„Ihr habt schon so viel für mich getan“, erwiderte sie. „Warum wollt ihr die Gefahren und Strapazen einer solchen Reise für mich auf Euch nehmen? Ich unterstelle Euch keine bösen Absichten, aber es ergibt einfach keinen Sinn.“

Er sah sie auf eine seltsame, schmerzerfüllte Art und Weise an. „Wirklich nicht?“ fragte er leise.

Und plötzlich begriff sie. „Ihr habt mich beobachtet, oder?“ fragte sie. „Ihr sagtet, die Hellsicht wäre Eure Disziplin. Deshalb habe ich euch in meinen Träumen gesehen. Ich habe Eure Anwesenheit gespürt.“

Der Thaumaturg nickte zerknirscht. „Dazu hatte ich kein Recht, ich weiß. Ich konnte Euch nur manchmal sehen. Wie ich schon sagte, die Magie ist störrisch und gefährlich geworden. Doch ich konnte nicht anders.“

„Das hättet Ihr nicht tun sollen“, sagte Riana.

„Ich weiß“, gab er zu. „Und es tut mir leid. Ich hatte nicht vor, mich in Euch… in dich zu verlieben. Es ist eben einfach geschehen. Bitte, lass mich dir helfen.“

Sie sah ihn an, und er schlug die Augen nieder. Diese Enthüllung war eine Erklärung für sein Verhalten und seine Anwesenheit hier, und eigentlich hätte sie froh sein sollen. Doch sie fühlte sich plötzlich sehr unwohl in ihrer Haut. Andererseits konnte sie seine Hilfe mehr als gut gebrauchen, und sie musste auch an ihr Dorf und ihre Familie denken. Sie war nicht so weit gekommen, um nun auf dem letzten Stück ihres Weges zu scheitern.

„Na schön“, sagte sie schließlich, „ich nehme dein Angebot an. Aber ich bitte dich, dir keine Hoffnungen zu machen.“

Ein paar Stunden später brachen sie auf. Pervon hatte ein zweites Pferd bei sich, auf dem Riana ritt, und sie hatte tatsächlich ein Maultier ertauschen können, das ihr Fass voller Waffen trug. Pervon war schweigsam und wirkte angespannt. Riana ging es nicht anders. Die Situation war ihr peinlich, und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.

Verstohlen sah sie immer wieder zu ihrem Begleiter hinüber. Er war deutlich älter als sie, aber nicht unattraktiv, dazu freundlich und intelligent. Trotzdem fühlte sie sich nicht zu ihm hingezogen. Seit ihr Ehemann vor zwei Jahren mit seinem Fischerboot hinausgefahren und nicht aus dem Sturm zurückgekehrt war, hatte sie kaum je daran gedacht, einen Mann zu berühren. Sie hatte das Gefühl, dass all das Leid, das sie erfahren hatte, jegliche Romantik in ihr getötet hatte. Unwillkürlich stiegen Bilder in ihr auf von jener Nacht, als die Barbaren über sie hergefallen waren. Riana versuchte sie zu verdrängen und konzentrierte sich auf den Weg.

Den ersten Tag rasteten sie wieder in der Herberge „Zum Birnenhain“. Die Wachen fragten, was in dem Fass sei. „Werkzeug“, log Riana. Am nächsten Abend waren sie früh wieder unterwegs und folgten der Reichsstraße nach Norden. Es war ein Umweg, erklärte Pervon, doch es war sicherer und würde sie nicht viel Zeit kosten, da sie auf der Straße besser vorankamen.

Je weiter sie ins innere der Insel kamen, desto weniger befahren war die Straße, und desto rauer sahen die Gestalten aus, die ihnen begegneten. Kurz vor Einbruch der Dämmerung erreichten sie eine weitere Herberge. Sie befand sich am Fuße eines Hügels, auf dem ein befestigtes Kloster und ein großer Tempel thronten. „Die Mönche sind gute Händler“, erklärte ihr Pervon. „Früher haben sie Gäste in ihren eigenen Mauern beherbergt und nur ein Almosen dafür erbeten. Aber diese Zeiten sind vorbei.“

In der Herberge herrschte Trubel, zwei Geiger spielten zum Tanz auf, und saurer Wein floss in großen Mengen. Harte Männer und leichte Mädchen lachten und tanzten. Vor dem flachen Steinbau standen mehrere klobige Krafträder, stählerne Monstren mit breiten Rädern und langen Auspuffrohren. Bei ihrem Anblick erschauderte Riana, und sie verließ den Schankraum so schnell sie konnte, um sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen.

Sie brachen mit Sonneuntergang auf, hatten die Herberge aber noch nicht weit hinter sich gelassen, als sie das Dröhnen der Motoren hörten. Auf Rianas Drängen verließen sie die Straße und verbargen sich, als die Krafträder, Funken und Ruß spuckend, an ihnen vorüber donnerten. Furcht schnürte Rianas Kehle zu, als die Erinnerung sie übermannte.

Bald darauf verließen sie die Reichsstraße und folgten nun einem ungepflasterten Weg durch die ehemals lieblichen Hügel Benevias. Hier begegneten sie überhaupt niemandem mehr, und die meisten Gehöfte, die sie sahen, waren verlassen.
In einem solchen Gehöft verbrachten sie auch den nächsten Tag. Es hatte dort offensichtlich ein Feuer gegeben; die Scheune war völlig abgebrannt, und das Dach des Haupthauses war teilweise eingestürzt. Türen und Fensterläden suchte man vergebens, doch es gelang ihnen, einen Raum mit ihren Zeltplanen abzuschirmen. Dort kauerten sie sich mit ihren zwei Pferden und ihrem Maultier zusammen und versuchten zu schlafen. Riana ertappte sich dabei, wie sie Pervon misstrauisch im Auge behielt. Ihre Menschenkenntnis sagte ihr, dass er ihr niemals Gewalt antun würde, und doch wollte ihre Nervosität nicht weichen. Sie schlief schlecht, und hielt ihren Dolch griffbereit.

Zwei weitere Nächte reisten sie durch das verbrannte Land. Manchmal sahen sie bewässerte und mit Sonnensegeln geschützte Felder, und sogar Menschen, die sie bestellten. Doch sie hielten sich in sicherer Entfernung. Den vierten Tag ihrer Reise verbrachten sie in einem weiteren verlassenen Gehöft, den fünften in einer Höhle, die wohl schon anderen vor ihnen als Unterschlupf gedient hatte, doch die Spuren waren alt.

„Morgen sollten wir dein Dorf erreichen“, meinte Pervon, als er ihr Wein, trockenes Brot und Hartwurst reichte. „Und dann willst du deine Leute also auf den Kampf gegen diese Räuber vorbereiten?“

Riana nickte grimmig. „Ja, das will ich.“

Er starrte zum Höhleneingang, wo an den Rändern der Plane, die sie aufgehängt hatten, grelles Sonnenlicht einfiel. „Mit Speeren und Pfeilen gegen gepanzerte Kraftwagen“, sagte er schließlich. „Mit Bauern und Fischern gegen kampferprobte Söldner.“

„Wir sind in der Überzahl“, versuchte Riana sich Mut zu machen. „Wir werden uns vorbereiten, und sie werden nicht mit Gegenwehr rechnen. Wir haben eine Chance.“

„Es ist Wahnsinn“, entgegnete er, und dann, hastig: „Du musst das nicht tun, weißt du. Du könntest deine Familie nehmen und mich begleiten. Ihr könntet bei mir auf meinem Landsitz leben. Dort wäret ihr relativ sicher. Und ich schwöre dir, keine Hintergedanken.“ Ein flehender, fast verzweifelter Unterton lag in seiner Stimme.

Riana fühlte Dankbarkeit, und Mitleid. „Das ist nett von dir“, sagte sie. „Aber ich habe nicht nur eine Verpflichtung meiner Familie gegenüber. Ich bin eine Gardistin. Meine Aufgabe ist es, diese Menschen zu beschützen. Ich werde nicht davonlaufen und sie ihrem Schicksal überlassen.“

© Frank Tarcikowski
17.5.07 19:41
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Harald / Website (25.5.07 00:49)
"für ihr Fass voller Waffen hatte sie tatsächlich ein Maultier ertauschen können" – etwas mißverständlich, ich dachte erst "Ein Maultier für die Waffen? Das wollte sie doch für den Kaffee kriegen!?"


Frank (27.5.07 00:04)
Der Satz ist in der Tat Kacke. Danke für den Hinweis! :-)

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