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Die liebliche Provinz (10)

Riana spähte nervös nach neuen Kampfspuren oder sonstigen Veränderungen, als sie sich ihrem Heimatdorf näherten und die Landschaft immer vertrauter wurde. Doch alles schien noch so, wie sie es verlassen hatte, die Sonnensegel waren an ihrem Platz, und der Glockenturm des Sonnentempels zeichnete sich dort auf dem Hügel vor dem sternenklaren Himmel ab.

Ein paar Leute auf den Straßen suchten zuerst Deckung, kamen dann jedoch hervor, als sie Riana erkannten. Einige grüßten sie oder riefen ihr zu, andere beobachteten sie nur erwartungsvoll, oder ließen misstrauische Blicke auf Pervon ruhen. Riana und Pervon hatten heute ihre standesgemäße Gewandung angelegt, sie golden, er violett, und boten so, hoch zu Ross, vermutlich einen recht imposanten Anblick.

Die Nachricht von ihrer Rückkehr schien sich schnell zu verbreiten. Als sie den Dorfplatz mit dem Tempel und der kleinen Wache erreichten, hatte sich bereits ein regelrechter Menschenauflauf gebildet. Mehrere Dorfbewohner riefen ihr Fragen zu: „Wo bist du so lange gewesen?“ – „Wer ist der Mann?“ – „Was hast du erreicht?“ – „Wann kommt Verstärkung?“ Riana kniff die Lippen zusammen und schwieg, bis sie die Stufen des Tempels erreicht hatte.

Dann sah sie Saia. Verschüchtert versuchte die Kleine, zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurch einen Blick zu erhaschen. Als sie ihre Mutter erkannte, kam sie vorsichtig, fast ängstlich nach vorne. Trauer schnürte Rianas Kehle zu. Ihr Kind hatte es nicht verdient, dass seine Fröhlichkeit von Angst erstickt wurde. Riana sah ihre Tochter an, ließ sich vom Pferd gleiten und breitete ihre Arme aus. Saia lief zu ihr und warf sich ihr an den Hals. „Mami“, schluchzte sie.

„Du hast mir so gefehlt, mein Liebling“, flüsterte Riana und küsste ihre Tochter auf die Wange. Auch ihr standen die Tränen in den Augen. Einen Moment noch gestattete sie sich, Saias Umarmung zu genießen. Dann löste sie sich und wischte die Tränen fort. Sie hatte sich sorgsam zurechtgelegt, wie sie der Dorfbevölkerung die Neuigkeiten beibringen würde. Es machte keinen Sinn, es hinauszuzögern. Jetzt war aller Aufmerksamkeit auf sie gerichtet, und die Menschen hatten ein Recht, es gleich zu erfahren. Erwartungsvolle Stille breitete sich aus, als sie die Stufen zum Tempel hinauf stieg. Riana schluckte. Wie würden sie es aufnehmen?

„Liebe Mitbürger“, rief sie und versuchte, dabei gefasst und entschlossen zu klingen. „Nach dem heimtückischen und schamlosen Überfall auf unser Dorf vor drei Wochen bin ich aufgebrochen, um Hilfe zu holen. Ich war in Nemeti und bin von dort bis Savoria und wieder zurück gefahren, um herauszufinden, wie es um den Frieden im Imperium steht. Ich kann euch berichten, dass der Imperator die Armee in Bewegung gesetzt hat, um allenthalben die Ordnung wiederherzustellen. Leider wird es noch eine Weile dauern, bis die Armee hier ist, um die Aufrührer zu vernichten.“

Wie sie es nicht anders erwartet hatte, erhob sich lautes Gemurmel. Ein paar Leute spuckten aus oder bedachten den Imperator mit Beschimpfungen. Riana hob beschwichtigend die Hände. „Ich war genauso enttäuscht wie ihr“, beteuerte sie. „Doch immerhin hat man mich nicht mit leeren Händen zurückgeschickt. Man gab mir Waffen. Wir werden uns bewaffnen, und wir werden uns vorbereiten, damit wir das nächste Mal, wenn sie kommen, kämpfen können!“ Zur Bekräftigung hielt Riana eine der Schwarzpulverpistolen hoch, damit alle sie sehen konnten.

Nun herrschte wilder Tumult, alle riefen durcheinander, diskutierten, gestikulierten und beschimpften sich gegenseitig. Riana vermochte es nicht, die Leute zu beruhigen. Dann trat Felian, Rianas Schwiegervater, vor. Er hatte drei seiner vier Kinder in den letzten Jahren verloren, und das hatte ihn altern lassen. Der Hunger tat sein übriges, um ihn wie einen lebenden Toten aussehen zu lassen, vor allem, wenn er eine solche Grabesmiene trug wie jetzt. Er legte Riana eine knöchrige Hand auf die Schulter und drängte sie in den Tempel. Riana sträubte sich. Wie sollte sie vor den Leuten ihre Glaubwürdigkeit als Anführerin behalten, wenn sie sich von einem alten Mann unterbrechen ließ? Doch er sah sie flehend an, und sie las mehr von seinen Lippen, als dass sie hörte, wie er: „Riana, bitte!“ flüsterte.

Da die Leute ohnehin miteinander beschäftigt schienen, ließ sie es schließlich zu, dass er sie in den Vorraum des Tempels außer Sichtweite führte. „Was ist denn los? Was soll das?“ fragte sie ungehalten.

„Riana“, beschwor er sie, „das kannst du nicht tun. Wir können nicht gegen diese Räuber kämpfen!“

„Wir müssen!“ entgegnete sie. „Und wir können.“

„Riana.“ Er wiederholte ihren Namen, als ob sie das zur Vernunft bringen müsste. „Wir werden Tribut an sie zahlen, und dafür werden sie uns in Ruhe lassen. Es ist beschlossene Sache im Ältestenrat.“

Sie konnte nicht glauben was sie hörte. „Tribut?“ fauchte sie wütend. „Solchen Tribut, wie sie ihn sich von mir genommen haben? Und von Jassia? Von Dana? Und von Inuri? Würdest du das auch gutheißen, wenn deine Töchter noch am Leben wären?“

Wenn das überhaupt möglich war, sah er plötzlich noch älter aus. „Riana, es tut mir unsagbar leid, was sie dir angetan haben“, seufzte er und griff ihre Schultern mit beiden Händen. „Bitte glaub mir das. Auch mir fällt es nicht leicht, diesem Handel zuzustimmen. Du… du bist doch wie eine Tochter für mich. Und mein eigener Sohn, der letzte, der mir geblieben ist…“ Seine Stimme zitterte. „Er hat sich ihnen angeschlossen, Riana. Er ist jetzt einer von ihnen.“

Riana starrte ihren Schwiegervater entgeistert an. „Juvin?“ stammelte sie. Sinans kleiner Bruder war immer der Augapfel der Familie gewesen. Der Jüngste, der stets verhätschelt wurde. Riana erinnerte sich, dass er bei ihrer Hochzeit Blumen gestreut hatte. Und dass sie ihn später, als er heranwuchs, mehr als einmal wegen Trunkenheit und Rauferei hatte festnehmen müssen. „Aber wie… ich meine, warum…“

Felion schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Er sah darin wohl den besten Weg. Sagt, er hätte einen neuen Glauben gefunden. Er ist nicht der einzige, weißt du. Es gibt so manche, die sich der Weltenschmiede zuwenden und dies auch offen aussprechen. Die Zeichen der Zeit scheinen ihnen Recht zu geben. Die neue, die stärkere Religion. Sie wollen nicht zu den Schwachen gehören, die untergehen, sondern zu den Starken, die in ein neues Zeitalter aufbrechen.“

Plötzlich hatte Riana das Gefühl, als wiche sämtliche Kraft aus ihr. Sie sank auf eine steinerne Bank und vergrub den Kopf in den Händen. Tränen wallten in ihr auf. Es dauerte einen Moment, bis sie die Worte wieder fand. „Ist Juvin der einzige?“ fragte sie. „Ich meine, haben sich noch andere aus unserem Dorf diesen Kerlen angeschlossen?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher“, gab Felion zu. „Ein paar haben es wohl versucht, aber die Aufnahmeprüfungen sind recht hart. Juvin ist eben ein zäher Bursche, er hatte ja immer eine Vorliebe für alles, was mit Kampf und Waffen zu tun hatte, wollte zur Armee, vor dem Sonnenfeuer… aber es gibt genug, die davon sprechen, ohne Scham. Riana, wir können nicht gegen sie kämpfen.“

Riana fühlte sich wie im Trance, als sie wieder nach draußen vor die Leute trat. Der Tumult hatte sich gelegt, erwartungsvolles Schweigen machte sich breit. „Alle, die sich in der Lage fühlen zu kämpfen, kommen morgen wenn es dunkel ist zur Wache“, verkündete sie tonlos. „Ich werde dann die Waffen verteilen und mit den Übungen beginnen.“ Damit griff sie die Zügel ihres Pferdes und des Maultieres und führte beide die Straße hinunter zu ihrem Haus. Saia eilte an ihre Seite, ebenso ihre Mutter, und Pervon folgte ihnen. Die Leute machten zögerlich Platz, und ein neuerliches Raunen erhob sich. Als sie an Rianas kleiner Wache vorbei gingen, sah sie, dass jemand mit feuerroter Farbe den Amboss der Weltenschmiede an die weiß getünchte Wand gepinselt hatte.

Sie aßen bei Rianas Mutter, und Riana berichtete von ihrer Reise und lauschte den kindlichen Erzählungen ihrer Tochter von Dingen, die in ihrer Abwesenheit geschehen waren. Doch ihre Gedanken kreisten um Felions Worte. Wie konnte es sein, dass die Menschen sich ausgerechnet von jenen Rettung erhofften, die ihnen Gewalt antaten? Wie konnten sie so feige sein, ihre Familien lieber dem Hunger und der Vergewaltigung auszusetzen, als einen Speer zu ergreifen und gegen die Unterdrücker zu kämpfen? Oder hatten sie Recht? Hatte sie, Riana, sich in etwas hineingesteigert? Klammerte sie sich nur so sehr an ihre Überzeugung, weil sonst ihre Welt zusammenbrechen würde? Verrannte sie sich etwa gar in diesen Kampf, weil sie sich unbedingt für das rächen wollte, was die Barbaren ihr angetan hatten?

Eine eisige Hand umklammerte Rianas Herz, als sie Saia zuhörte, wie sie von ihrer kleinen Baby-Ziege erzählte. Ihre Tochter war ihr das Teuerste auf der Welt. Oder? Aber warum war sie dann so entschlossen, hier zu bleiben und einen aussichtslosen Kampf zu kämpfen? Ihr Blick wanderte zu Pervon. Er sah schnell weg, doch er konnte nicht vor ihr verbergen, dass er sie beobachtet hatte. Warum schien es ihr so unvorstellbar, sein Angebot anzunehmen? Ihrem Dorf den Rücken zu kehren und mit ihrer Familie auf seinen Landsitz zu ziehen? Dort würden sie es sicher besser haben als hier. Saia hätte eine Chance, in Frieden aufzuwachsen. Wenn nicht die Welt vorher unterging.

Irgendwie schaffte es Riana, Saia zum Spielen zu schicken und ihre Mutter in die Küche, um den Abwasch zu erledigen. Dann fielen alle Masken von ihr ab, und sie sank über dem Tisch zusammen und schluchzte. Pervon setzte sich zögernd neben sie, berührte sie jedoch nicht und sagte auch kein Wort. Riana war ihm dankbar dafür.

Schließlich hob sie den Kopf und sah ihn aus geröteten Augen an. „Alles bricht auseinander“, flüsterte sie. „Ich hatte mal einen Platz in dieser Welt, aber alles hat sich verändert. Mein Mann ist tot, die Garde lässt mich im Stich, und die Menschen, die ich zu beschützen versuche, hoffen lieber auf eine neue Weltordnung der Grausamkeit, als auf jene, für die ich eintrete.“

„Ich weiß“, antwortete er sanft und sah sie mitfühlend an. Sie hatte erwartet, vielleicht sogar gehofft, dass er sie nochmals anflehen würde, mit ihm zu kommen. Doch das tat er nicht. Trotzdem dachte Riana daran. Sie könnten jetzt gleich ihre Habseligkeiten zusammenpacken. Noch heute könnten sie fort sein. Wie würde es sich anfühlen, einfach aufzugeben?

„Wenn ich jetzt davonlaufe“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm, „werde ich eine gebrochene Frau sein.“

© Frank Tarcikowski
20.5.07 03:44
 


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